Von Wildschweinen, Zügen und italienischen Cantautore

Sunday, May 25th, 2008 Latitude: S Longitude: E

Habe erst vor kurzem für mich die Musik von Gianmaria Testa entdeckt. Wundervolle poetische Texte, gesetzt zu expressionistischen Klängen einer, zwei Gitarren und aus der Ernsthaftigkeit entlassenen Instrumenten wie der Melodika. Jetzt hänge ich unter den Kopfhörern und lausche dem, was zwischen den Tönen und Wörtern ist…

Gianmaria Testa war lange Zeit Stationsvorsteher in der kleinen Stadt Cúneo, im norditalienischen Piemont, unweit der französischen Grenze. An den Bahnhof erinnere ich mich, erstaunlicherweise, wenn ich bedenke, daß wir seinerzeit mit dem Auto dort angekommen waren. Für mich war das Reisen mit dem Auto neu, der schmalmotorige Fiat Panda gehörte meinem besten Freund. Wir sind es immer noch, gute Freunde, seine Liebe zu mir hat meine Unachtsamkeit mit Autos überstanden. Das Auto habe ich zum Bahnhof gelenkt, weil ich mir dort die notwendige Information erhoffte, wo man in dieser Stadt übernachten könnte.

Wir haben einen Ort zum Schlafen gefunden, ich erinnere mich an eine altertümliche Pension mit schweren Möbeln innerhalb der Mauern der Altstadt. Ich erinnere mich an Pflastersteinstraßen und den Blick durch die Hauptachse der Stadt auf die Savoyischen Alpen am kommenden Morgen und daran, daß sie uns in der Bar, in der wir am Ende des Abends gelandet waren, die restliche Grappa geschenkt hatten, von der ich so gerne probiert hatte. Eine noch halbvolle Flasche von Trester-Schnaps, gebrannt aus den Resten der Muskateller-Traube.

Am kommenden Morgen waren wir noch einmal da, noch einen Espresso vor der Weiterfahrt Richtung Nizza und da haben sie uns die Tassen eingepackt, aus denen wir getrunken hatten und zwei dazu und Untertassen und so hatten wir ein Set mit dem Logo und dem Namen der Bar, Corso.

Daran erinnere ich mich, wenn ich Gianmaria Testa höre, den ehemaligen Bahnhofsvorsteher aus Cúneo. Und während ich so schreibe, sitze ich im ICE der gerade mit Höchstgeschwindigkeit ein Wildschwein überfahren hat, wie uns mitgeteilt wird, und ich denke: Im Piemont hätten sie davon Salami gemacht.

Aloha, everybody!

Tuesday, April 22nd, 2008 Latitude: S Longitude: E

Say hello to a Ukulele made in China, bought in Cologne, played as a Brazilian Cavaquinho wherever I’ll be taking it!

Eu não sou daqui…

Friday, November 24th, 2006 Latitude: S Longitude: E

…ich bin nicht, von hier, ich bin aus Niteroi… lautet der Anfang einer Samba von Wilson Batista und Ataulfo Alves. Kennengelernt habe ich das Stück durch eine CD von Zélia Duncan, heute, nach 2-wöchigem Üben, habe ich es zum ersten Mal vollständig gespielt. Geübt habe ich morgens und abends in meinem Hotelzimmer hier in Almaty, Kasachstan, auf einer Cavaquinho, die ich vor einem Jahr in Rio gekauft habe. Nachdem sie aus Zeitmangel nun ein Jahr im Koffer in der Ecke geschlummert hatte, kam sie mir als handlicher Reisebegleiterin gerade recht. Hotelzimmer werden wohnlicher, wenn man sein eigenes Instrument mitbringt.2005-10-08_13-58-12

„Eu não sou d’aqui…“ denkt sich meine Cavaquinho, während vor dem Fenster kasachische Schneelandschaften entstehen, Flocke um Flocke.

Akkordeonisch

---> Wo ist das?

Sunday, November 13th, 2005 Latitude: -8.05S Longitude: 34.9W

akkordeon Die Musik bezeichnet man gerne als Universum. Und dann? Wie teilt man ihn ein, diesen riesigen Raum, der bevölkert ist von Noten, Rhythmen, Klängen. Sind es Kontinente und Meere, Völker und Länder, die den Stilen, Melodien und Epochen entsprechen?

Der Vergleich hinkt – aber ebenso wie ein Greis hinkt und dennoch erhaben ist, weil er noch nicht des Todes ewig liegende Haltung eingenommen hat, hat dieser Vergleich seinen Wert. Hilft er uns doch in der Endlichkeit unseres Begreifens das Unendliche der Musik wenigstens skizzenhaft zu erfassen.

Was sind dann die Instrumente? Bewohner? Oder in der Gesamtheit ihrer Erscheinungsform (aller Gitarren, aller Geigen) Völker? Dann wären ihre jeweiligen Klangfarben die Sprachen und Dialekte. Mir sagt dieser Gedanke zu: “Ein wildes Volk von sechsseitigen Gitarren, die in unterschiedlich klingelnden Varianten und Dialekten einer Gitarrensprache sprechen, vom Glissando der Slide-Gitarre zum Stakkato des Flamenco.”

Mir sagt er zu, weil er mir erlaubt, in der Skizze dieses Universums eine Heimat einzuzeichnen.

Was ist Heimat? Eine Definition – und es ist die, die in meinem Leben bisher am längsten Bestand hat, ist die der Sprache. Heimat ist dort, wo die Menschen so sprechen, dass der Klang ihrer Sprache und die Art, zu sprechen mit der meinigen im Einklang sind und dieser Einklang ein Gefühl von Zugehörigkeit erzeugt.

Heimat wird so zu einem ortsungebundenen Phänomen. Heimat ist amorph, in Raum und Zeit beweglich. Dabei bedarf es nicht einer vollständigen Übereinstimmung des Klanges. Es geht um den Einklang und die Tatsache, dass er als solcher empfunden wird, dass diese Empfindung ein Zugehörigkeitsgefühl auslöst.

Was ist nun meine musikalische Heimat? Wenn wir Instrumente mit Völkern (was sind eigentlich Völker…?) gleichsetzen und ihren ureigenen Klang als Sprachen, die auch in Dialekte unterteilt werden können (Saxophone: Bariton, Tenor, Alt, Sopran -gebogen oder gerade) dann wäre Heimat dort, wo ich mich im Einklang empfinde und zugehörig. Nun bin ich kein Instrument. Dies ist nur ein hinkender Vergleich (und hier, an dieser Stelle ist eine der Mißbildungen, die ihn an den Stock zwingen…)

Akkordeonisch ist meine Heimat, zumindest was meine Empfindung zum Klang dieses Instrumentenvolkes angeht. Akkordeonisch, am ehesten im Dialekt der diatonischen Handharmonika, die in der kolumbianischen Cumbia, der dominikanischen Merengue, dem Zydeco und Cajun aus Louisiana und nicht zuletzt im nordostbrasilianischen Forró den Ton angibt, der die Musik ausmacht.

Akkordeonisch, Knopfakkordeonisch, Diatonisch-Knopfakkordeonisch, dem Dialekt der vagabundierenden Harmonikas, die von den fliegenden Händlern aus dem Vogtland und dem Schwarzwald in die Welt hinausgetragen wurden. Deren schwerfällig-teutonischer Stoßmich-Ziehmich-Rythmus noch immer aus den längst schwindelerregenden Klangkaskaden herauszuhören ist, wenn auch nur für feinstgeschulte Ohren. Vielleicht nur für solche gar, denen dieser Klang Heimat ist.

Alles was komplex ist, versucht (und erfolgreich versucht) kunstvoll zu sein mit dem Akkordeon, erwärmt mich wenig. Es ist, als führe ich durch eine Landschaft, die der heimatlichen ähnelt, aber eben nur ähnlich ist, nicht gleich. Das Bandoneon, Orgelersatz mit geradezu Bach’schem Vermögen (es fehlen die Fußpedale und Registraturen, ansonsten fehlt es nirgends an Möglichkeiten, ausufernd virtuos zu sein!), verfehlt selbst als längst profanisiertes und im Tango erotisiertes (und -erotisierendes) Instrument bei mir diese Heimat stiftende Wirkung.

Vielchörige, vielreihige, chromatische Zuginstrumente begeistern mich durch ihren Klang. Und dennoch, sie erinnern mich nur an, sie sind mir keine Heimat. Sie zielen auf meinen Kopf. Mein heimatsbestimmender Sensor hingegen wird durch den Bauch angesprochen. Oder durch das, was wir metaphorisch damit bezeichnen.

Genau da zielt die Handharmonika hin.

Die Handharmonika war das erste Rockinstrument, noch bevor es überhaupt so etwas wie Rockmusik gab. Noch bevor die Musikethnologen ausschwärmten, um ihre Aufzeichnungen zu beginnen, hatte die Harmonika schon begonnen, die Musiker-Generationen auseinander zu dividieren. Und das an vielen Orten gleichzeitig, zumindest in der westlichen Hemisphäre.

Der knopfakkordeonische Hebel war einfach: Harmonikas sind laut. Anders als die Fiedeln im frühen Cajun oder Zydeco, die Flöten in der Cumbia trägt eine Handharmonika ihre Melodien durch den lautesten Tanzsaal, und das auch ohne Verstärkung. Nur zu oft wurde die Musik dabei nach der Ankunft des teutonischen Klangmigranten rauher, einfacher, schnaufender – der Balg einer zweitönigen Handharmonika, die auf Zug und Druck unterschiedliche Töne von sich gibt, ist denkbar schwerer zu wenden, als der Bogen einer Geige oder das Zwerchfell eines Flötisten.

So kam es, dass die kleine, nahezu unkaputtbare Klangkiste Urstände feierte auf den Tanzböden rund um den Golf von Mexiko und im braslianischen Nordosten. Dass die Blasebälger der Harmonikas noch heute helfen, die musikalische Esse zu schüren, auf der immer wieder die Eisen eines heissen Tanzabends geschmiedet werden.

Mein Plattenschrank ist voller Beispiele für das, was ich hier herbeischreibe. Es finden sich dort, offen oder versteckt, mehr Akkordeons als andere Instrumente, von den allgegenwärtigen Gitarren und Schlagzeugen einmal abgesehen. Es mag daran liegen, dass das erste Instrument, dass ich als Kind hörte, der erste musikalische Klang, noch in dem Bett, in dem ich geboren wurde, eine diatonische Handharmonika war. Gespielt von meiner Mutter. Aber das erinnere ich nicht, es wurde mir zur identitätsstiftenden Mythenbildung berichtet.

Mein Empfinden beim Klang einer zum Tanz treibenden Harmonika scheint irgendwo dort verwurzelt zu sein, mutterschoßnah, embryonal beheimatet.

Es gibt ein Lied des brasilianischen Forró-Übermeisters Luiz Gonzaga namens “Respeito Januario”, seinem Vater gewidmet. Darin besingt er seinen eigenen landesweiten Erfolg – er ist zweifelsohne der bekannteste brasilianische Akkordeonspieler und Forró-Interpret – und die Aufforderung, als er in die Heimat (!) zurückkehrt, er solle dennoch die rauhe, diatonische Musik seines Vaters in Ehren halten:

“Luí”, tu pode ser famoso,
mas teu pai é mais tinhoso
E com ele ninguém vai, “Luí”
Respeita os oito baixos do teu pai!.

“Luiz”, du magst berühmt sein
Aber Dein Vater ist räudiger
Und so wie er spielt keiner, “Luiz“
Ehre die die acht Bässe (der Handharmonika) Deines Vaters!

Als ich den Text zum ersten Mal las und verstand, traten mir Tränen in die Augen. Das ist meine Heimat: Das weite Land Akkordeonien, darin die Winkel, in denen die Handharmonika schnauft.

  • “Respeita Januario!” gespielt von Gilberto Gil, von der Platte: “São João Vivo”.
  • “Forró” aus der Reihe “Brazil Classic” von David Byrne, inzwischen schon wieder eine historische Compilation, aber immer noch sehr gut und mit hervorragendem Booklet. Meine “Einstiegsdroge”.

Bahia trommelt…

---> Wo ist das?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -12.973033S Longitude: 38.508244W

…und zwar 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Immer, überall, aber am meisten im Pelourinho, der Altstadt. Für jeden gibt es einen Bloco: Junge, Alte, Männer, Frauen, gemischt oder getrennt.

Es wird miteinander getrommelt – und im sportlich-musikalischen Wettstreit auch gegeneinander. Der Klang ist ohrenbetäubend, die Gassen sind eng, die Wände verstärken so den Wumms der Instrumente ein weiteres Mal. Alles gerät in Vibrationen, der Wucht der Trommeln ist nicht zu entkommen. Andere Musiker halten mit Verstärkern dagegen und kreieren an den Übergängen eine afrobahianische Kakophonie sondergleichen.