Archive for the 'Musik' Category

AfroBahia

---> Wo ist das?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -12.976488S Longitude: 38.510395W

Salavador gilt als afrikanischste Stadt Brasilien. Die erste Hauptstadt der ehemalig en portugiesischen Kolonie und Zuckermetropole des Landes war gleichzeitig auch wichtigster Hafen für den Sklavenhandel. Die Bevölkerung ist größtenteils Schwarz – in allen denkbaren Schattierungen.

Drei afrikanische Kulturinstitute markieren die Verbundenheit mit dem Kontinent auf der anderen Seite des Atlantiks, das “Casa do Benin“, das “Caso do Nigeria“ und nicht zuletzt das “Casa de Angola“. Drei verschiedene Länder, drei verschiedene Häuser, ein Problem: Kein Geld.

Das Casa do Benin liegt mitten in der Altstadt, an einer lebendigen Kreuzung, mit vielen offenen Fenstern zur Strasse hin. Das Gästebuch verzeichnet viele Besucher aus Übersee: Frankreich, Deutschland, Niederlande, dazwischen immer wieder Brasilianer aus anderen Teilen des Landes – Rio, São Paulo, andere Großstädte. In Vitrinen sind Alltags- und Kulturgegenstände von beiden Seiten des Atlantiks ausgestellt. Auf Fotografien kann man die geistigen Väter des Projektes bewundern: Allen voran Pierre Verger, französischer Photo- und Ethnograf, der Kultur und vor allem religiöse Strukturen auf beiden Seiten des Südatlantiks in einem epischen Werk analysiert und dargestellt hat. Aber auch der Baiano Gilberto Gil, Musiker, Popstar und zur Zeit Kulturminister Brasiliens.

Die Bilder sind alt und verblichen, das gleiche gilt auch für die Idee, die hinter diesem Haus der brasilianisch-afrikanischen Kultur steht. Die Direktorin Rosa Vieira de Melo beklagt den Mangel an Geldern und politischer Unterstützung. Gegründet wurde das Caso do Benin Ende der 1980er Jahre, finanziert wird es vom Staat Bahia und der Gemeinde Salvador. In der Praxis fehlt es an allem: Kein Geld für Projekte, kein Geld für Veranstaltungen, kein Computer, kein Internetanschluß, um mit Benin zu kommunizieren. Kein Kontakt mit Benin.

Nachdem anfänglich ein lebendiger Austausch stattgefunden hatte, herrscht nun seit einigen Jahren Funkstille. Als vor einiger Zeit der Ministerpräsident Benins privat zu Gast war in Salvador, stolperte er eher zufällig über das ”Haus von Benin“. Die Regierung dort hat das Projekt schlicht vergessen. Dass Benin frankophon, Salvador hingegen lusophon ist, daß man zwar kulturell eine gemeinsame Ebene hat, aber sprachlich getrennt lebt, mag dazu beigetragen haben.

Nur wenige Meter weiter: Das Haus Nigerias. Nigeria, Heimat des Volkes der Yoruba und der afrikanischen Gottheiten, die in der Kultur Bahias eine zentrale Rolle spielen. Von aussen ist das Kultur-Haus kaum als solches zu erkennen: Ein Schild, das in den anderen dieser Altstadtstrasse mit ihren Souveniershops untergeht. Die Türe verriegelt, auf Nachfrage wir mir bestätigt, dass selten jemand, meißt niemand anwesen sei.

Im Taxi zum ”Casa de Angola“, dem ”Haus Angolas“ in Salvador. Der Taxifahrer kennt es nicht, ich muss ihm den Weg zeigen. ”Casa de Angola“ steht prominent über dem Eingang, in Silberlettern, an dieser lebendigen Einkaufsstrasse in der Innenstadt. Im Eingang im Erdgeschoß eine Büste des angolanischen Staatsgründers, eine Plakette, die an die Gründung des Hauses 1999 erinnert. Eine weitere: ”Staatspräsident José Eduardo dos Santos besuchte dieses Haus am 2. Mai 2005.“ Doch auch er brachte, so berichtet mir Jucelina Nascimento, die Koordinatorin des Hauses, auch dos Santos brachte kein Geld mit. Dennoch: Das Haus erscheint lebendig. Es gibt eine kleine Bibliothek, eine Ausstellung, einen Seminarraum. Das die Versammlungen vom Lautsprecher-Geschäft des Nachbarns nur zu häufig gestört werden, ist nur eines der Probleme, die Juscelina gerne lösen würde.

jucelina

Immerhin hat man einen regelmässigen Kontakt mit Angola, auch wenn man immer wieder mit Nachdruck die notwendigen Dinge einklagen müsse. Die Zusammenarbeit ist nicht leicht, aber immerhin, sie existiert. Man bestellt Bücher, vermittelt Anfragen, meistens von Akademikern, organisiert Filmvorführungen- und Theaterstücke. Juscelina ist viel im Hinterland unterwegs. Dort knüpft sie Kontakte, plant und organisiert Veranstaltungen, damit die Verbindung zu Angola auch über die Hauptstadt des Bundesstaates hinaus erlebt werden kann. Mehr und mehr soll das Haus auch zu einem spirituellen Zentrum werden, afrikanische und brasilianischen Candomblé-Zeremonien zusammenbringen. Und noch einen Traum hat sie: Ein Bürger-Radio zu gründen, um so die Menschen noch besser zusammen und die eigene Sache vorran zu bringen.

Forró vor den Hunden

---> Wo ist das?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -3.801225S Longitude: 32.404175W

forro 1Eine der besten Stellen, um Forró zu tanzen, scheint mir diese: Die Bar do Cachorro, die Hundebar im Vila dos Rémedios, was vom Kleinen Larousse der portugiesisch-brasilianischen Sprache immerhin als die Hauptstadt des (ehemaligen) Territoriums Fernando de Noronha genannt wird. Diese Zeiten sind vorbei, das Dorf (port. Vila) ist ein Dorf. Und die Bar ist vermutlich der östlichste Punkt dieser Erde, auf dem man Forró tanzen kann unter freiem Himmel und auf brasilianischem Boden.

Nicht dass es die beste Stelle wäre, was die Anzahl und das Können der Tänzerinnen angeht. Die meisten sind aus der brasilianischen Oberschicht in São Pauli oder Rio und haben mit diesem Tanz für “Dienstmädchen und Taxifahrer” wenig am Hut. Es ist einfach ein wunderbarer Ort, weil die Zahl der Sterne ins Endlose geht, die Stimmung ausgelassen ist und weil einer der hier ansässigen, Pedro Miguel, ein wahrer Meister und seine Partnerin (die für den Tanzboden…) sowohl unbewegt als auch auf der Tanzfläche eine Augenweide ist.

forro 2

Forró stammt angeblich von dem englischen Ausdruck: “For all” statt, es sei eine Veranstaltung für alle. Der Legende nach waren es entweder englische Kautschuk oder Eisenbahn-Gesellschaften oder im Nordosten stationierte US-Soldaten des zweiten Weltkrieges, die diese Tanzabende “Für alle!” durchgeführt haben. Ich halte inzwischen letztere Theorie für die wahrscheinlichere. Auch hier auf Fernando de Noronha gab es solche Soldatencamps im zweiten Weltkrieg. Dass wir es bei den Tanzabenden in der “Hundebar“ mit einer ununterbrochenen Tardition zu tun haben, ist allerdings mehr als unwahrscheinlich.

Gespielt wird Forró klassischerweise mit einem Akkordeon, einer Triangel und der Basstrommel, genannt Zabumba (klingt genauso!). Heute ist die elektrisierende Musik längst elektriifiziert, werden E-Gitarren, Bassgitarren und Schlagzeug hinzugenommen, mischen sich karibische Einflüsse mit dem Original des nordostbrasilianischen Hinterlandes. In Brasilien füllt Forró inzwischen längst die Tanzhallen, weil er das bietet, was die wenigsten brasilianischen Tänze haben: Er ist einfach, leicht erlernbar (ca. 2 Minuten für die ersten Schritte) und spektakulär, wenn die Meister rangehen. Dann werden akrobatische Elemente eingebaut, wie sie der Rock’n Roll oder davor der Swing kennen. Auch das spricht eigentlich für die amerikanische Variante der Legende. Doch gerade die Einfachheit des Grundschrittes macht Forró zu einem Tanz für alle, ”For all“ – sozusagen. Vamos!

Music for Maids and Taxidrivers

Was ist Glück?

---> Wo ist das?

Saturday, October 22nd, 2005 Latitude: -13.009544S Longitude: 38.526338W

Mein Freund Markus hat mich einmal mit dem Konzept des “Flow“ als Weg zum Glück vertraut gemacht. Im Grunde genommen sehr einfach zu erklären, bedeutet ”Flow“ etwas zu tun und dabei das Glück dessen zu empfinden, der in voller Kontrolle seines Tuns ist. Der etwas – bewusst oder unbewusst – so macht, das es, auf gut Deutsch ”einfach läuft“. Einfach, ohne im Moment des Handelns darüber nachdenken zu können.

Ein bahianischer Busfahrer hat mir gestern die Gelegenheit zum Einblick gegeben. Die Busse hier zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Strecken nur sehr kurz zusammen gefasst auf einem Schild verzeichnet sind, das zu lesen dem uneingeweihten kaum gelingt, während das Vehikel zum Einsteigen kurz anhält. Man muss sich also schnell entscheiden, ob man dort hin will, wo der Bus hin soll. Sitzt man dann drinnen, gilt es bald, ebenso schnelle Entscheidungen zu fällen, bezüglich des Aussteigens. Denn die Stops sind nur sehr kurz. Die Strecken dazwischen sehr lang.

Ich war auf dem Weg zum Strand-Vorort Bahias, nach Barra. Dort wollte ich beim Leuchtturm aussteigen, geplant war, einen möglichst pittoresken Sonnenuntergang abzuwarten und diesen zu fotografieren. Kaum taucht das beeindruckende Bauwerk, umrahmt von einer portugiesischen Kolonial-Feste auf, kaum habe ich am Schnürchen gezogen, um meinen Aussteigewunsch zu annoncieren – schon waren wir dran vorbei. Der nächste Halt: knappe 2 Kilometer weiter, die Rückseite des Ortes. Ich mache mich auf den Fußweg zum Strand – und bekomme den Leuchtturm zu sehen, einen in abendweiches Licht getauchten Strand, auf dessen Sand die einen Fußball spielten, in dessen Wellen andere surften. ”Flow“ überall, der Strom von Bildern, die meine Kamera aufzeichnete und mein glückliches Gefühl dabei: ein weiteres Indiz für das Konzept.

barrabeach

Die Sonne verschwand hinter den Wolken, ich widerstand der kleinen Versuchung aus indifferentem Pflichgefühl heraus das Seefahrtsmuseum im Leuchtturm aufzusuchen. Statt dessen die Busreise zurück ins Zentrum, diesmal ist die Endstation prominent genug, um am Kopf des Busses zu erscheinen. Auf dem Weg von der Bushaltestelle zur Altstadt lege ich einen Zwischenstop in der ”Cantinho Carioca“ ein, wo vier ältere Herren mit größter Freude ellenlange Chourinho-Stücke zum Besten geben.

2005-10-21_18-43-47_bahia_brasilien

Klänge aus der Cantinho Carioca, Salvador

Die mäandrierenden Themen, ineinander geschachtelten Melodien der siebenseitigen Gitarre und der mandolinenartigen Bandolim auf einem Rythmus-Teppich, ausgelegt von der Tambor und dem Pandeiro: ”Flow“! Innerlich lächelnd mache ich mich nach einer Weile auf nach Hause, um zu duschen und mich auf den Abend vorbereiten.

FLOW

Copacabana, Ipanema, Zuckerhut

---> Wo ist das?

Friday, October 14th, 2005 Latitude: -22.948652S Longitude: 43.157532W

Die Versatzstücke einer globalen Ikone. Der Christus, der die Arme ausbreitet über den Hügeln der Stadt. Der gleichförmige Berg in der Bucht, ein Aussichtspunkt mit Glückshormon-Garantie. Die allgegenwärtige Kakophonie, die immer wieder mit Sambaklängen durchsetzt ist. Nach einem Tag vorsichtigem Tasten fühlt sich die Stadt an wie Ort, an dem sich leben lässt. Ich teile die Zeit zwischen dem Strand, den Buch- und den Musikläden und schaffe es, mich am Ende für ein Cavaquinho zu entscheiden, eine kleine viersaitige Ukulele, ein durchaus ernstzunehmendes Instrument, Herz des Sambas. Ein langjähriger Wunsch geht so in Erfüllung, jetzt beginnt die Zeit des Übens. Die Cavaquinho ist zum Glück so handlich, dass sie das Reisegepäck nur wenig beschwert.

Der Blick vom Zuckerhut allein ist die Reise wert.

Talente in jeder Eckkneipe

Tuesday, October 4th, 2005 Latitude: S Longitude: E

Lavras Novas Live

Eine kleine Kostprobe von einem Sänger und Gitarristen, der das offene Mikro in einer Kneipe in Lavras Novras in den Bergen von Minas Gerais nutze.