Archive for the 'Brasilien' Category

Yemanja, Oshun & mein Sohn.

---> Wo ist das?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -7.915328S Longitude: 34.824772W

Oder: Wie man in Olinda 50 Reais ausgibt.

olindaEs ist sechs Uhr morgens, der Wecker klingelt für mich in Olinda, einer kolonialen Kleinstadt im Nordosten Brasiliens. Da ich nur zwei halbe Tage habe zwischen zwei Flügen, versuche ich früh aufzustehen, um Zeit zu gewinnen fürs Fotografieren. Außerdem, so der Gedanke, ist morgens das Licht weicher. Ich schwinge mich auf, verwundert, trotz der Wärme durchgeschlafen zu haben. Die zwei Caipirinha des gestrigen Abends haben Ihre Wirkung entfaltet. Schnaps ist hier billiger als Wasser.

Das Licht ist gnadenlos, bereits früh morgens brennt die Sonne. Ich wandere die Hügel hinauf, wo gestern noch die ganze Stadt auf den Beinen war, werden jetzt leere Plastikbecher weggefegt vom Wind oder den Angestellten der Stadtreinigung. Ich richte meinen Blick auf alles und nichts, bis er in einen Hauseingang fällt, in dem eine Art Candomblé-Altar aufgebaut ist: Kerzen, Heiligenfiguren, Schmuck, Blumen. An der Hauswand steht: “Mãe Baiana”, bahianische Mutter. Eben diese ruft mich herein, als ich durchs Tor hindurch versuche, die Möglichkeiten für ein Foto auszuloten. Von soviel frühmorgendlicher Freundlichkeit überrascht, trete ich verdutzt ein, sie bittet mich Platz zu nehmen. Durch eine Mischung von Rest-Religiösität und Neugierde gefesselt folge ich Ihren Anweisungen. Ich lege meine Hände mit den Handfläche nach oben und gebe Auskunft: Meinen Namen, mein Alter, wo ich herkomme, was ich mache, ob ich beruflich reise oder als Tourist.

baiana

Sie legt eine Kette aus Muscheln um, sortiert einige Devotionalien in der Schale vor sich, nimmt eine handvoll Muscheln in die Hand, schüttelt sie wie Spielwürfel und beginnt einen an die Götter gerichteten Sermon. Betonend, dass es gut sei, dass ich Portugiesisch verstehe, öffnet sie plötzlich die Hände und wirft die Muscheln vor sich in die Schale. Wieder werden die Götter, die Orishas angerufen, dann liest sie aus dem Spiel der Muscheln. Ich werde neugierig, hatte ich doch erst in Bahia eine Kette geschenkt bekommen, mit den Farben von Oshosi, dem Gott des Waldes, der Natur. Ein durchaus kämpferischer Gott, der gerne mit Pfeil und Bogen dargestellt wird und dessen christliche Synkretisierung mal der heilige Sebastian, mal der heilige Georg ist.

Die Bahianische Mutter hingegen sieht mich dem Schutz von Oshun unterstellt. Ihr gefalle alles, was goldgelb sei, das leuchtende Gelb des Edelmetall soll es sein und um Ihren Schutz vor der heute durchgeführten Reise zu erbeten, solle ich etwas goldgelbes schenken. Oshun sei die Göttin des Süßwassers, sie finde Gefallen an säurearmen Früchten und vor allem guten Gerüchen, Parfüm sei ein probates Mittel, um meine Orisha für mich zu gewinnen. Vor der Reise nach Fernando de Noronha solle ich auf alle Fälle etwas geben, damit Oshun über mich wache. Auf alle Fälle werde es mir in Zukunft gut ergehen, ich werde erfolgreich sein, reich, wen auch nicht zu reich. Auf alle Fälle werde ich Geld haben.

“Mãe Bahiana” fragt mich über meine Familienverhältnisse aus. Ich zähle auf, sie nickt wissend. Prophezeit mir, dass die brasilianischen Frauen ja durchaus auch gefallen finden, an einem gutaussehenden Mann wie mir. Ich weiss längts, dass es nicht so sehr das aussehen, sondern der Wohnort im scheinbar gelobten Land ist, der meine Attraktivität hierzulande ausmacht. Sie ermahnt mich, die Hände offen zu halten. Wirft nochmal die Muscheln. Ruft nochmal die Orishas an. Dann schweigt sie. “Du wirst einen Sohn bekommen!”

baiana 2

Ob ich noch eine Frage habe. Ich habe: Sie solle mir doch etwas über Yemanja erzählen. “Yemanja ist die Mutter aller Orishas, ihre Farben sind blau und weiß. Sie ist die Göttin des Meeres.” Dann fragt Sie: “Gefällt Dir Yemanja? Wenn Sie Dir gefällt, naja, das ist ja auch so: Oshun ist für das Süßwasser, Yemanja für das Salzwasser, Wasser ist Wasser, das fließt zusammen.” Ich denke an meine Tochter, die eine echte Wasserratte ist, das Meer liebt und von der ich überzeugt bin, dass die Mutter Gottes, Yemanja über sie wacht. So ein Kind braucht starken Schutz.

Meine spirituelle Ratgeberin lässt mich nun die Namen der Familienmitglieder aufschreiben, dazu die Adresse. Sie könne dann diesen Zettel unter eine Kerze legen, die auf meiner Orisha, die Oshun geweiht sei. Mit dem aufsteigenden Rauch würden auch die Kräfte und das Gute zu mir kommen. Sie selber schreibt mir Ihre Adresse auf und auch die Telefonnummer, wenn mein Sohn geboren sei, solle ich sie auf jeden Fall benachrichtigen. 50 Reais koste nun diese Sitzung, falls ich weitere 300 ausgeben wolle, könne sie die Kerzen entzünden und so für die Dauer des Kerzenbrandes weiter Gutes für mich bewirken. 50 Reais sind eine Menge in diesem Land, in dem eine Busfahrt weniger als 2, ein Abendessen vielleicht 20 Reais kosten. Ich bedanke mich, bezahle den Minimaltarif und betrachte ihn als Lehrgeld in Sachen brasilianische Spiritualität und Geschäftstüchtigkeit. “Mãe Bahian” erlaubt mir noch ein Foto zu machen – dafür war ich anfänglich ja gekommen. Dann verabschieden wie uns wie zwei, die sich kurz und intensiv kennengelernt haben, aber nie mehr treffen werden.

“Rost schläft nicht” (Neil Young)

---> Wo ist das?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -3.823149S Longitude: 32.365723W

rost

Fernando de Noronha, Oktober, 2005.

Das kleine Archipel, eine der ersten Entdeckungen Amerigo Vespuccis, dem Namenspatron des amerikanischen Kontinentes, liegt nur scheinbar mitten im Nirgendwo. Nicht das Ende, der Anfang der Neuen Welt liegt hier, zumindest deren Südliche Teile. Holländer, Franzosen, Deutsche, Portugiesen haben hier ihre Spuren hinterlassen, heute, nach 500 Jahren gehören die Inseln zu Brasilien. Der Flug, die teure Lebenshaltung, eine Art Naturpark-Steuer, all das führt dazu, dass Fernando de Noronha nicht überlaufen ist, sondern gemessen an der heutigen Massenmobilität immer noch sehr zurückhaltend besucht wird. Brasilianer mit Geld, Spanier, Italiener, einige wenige Deutsche, Holländer, Engländer. Alle untergebracht in kleinen Pensionen, nirgendwo Hotels oder ähnlich touristische Unbilden.

Manche Strände hat man für sich, andere teilt man mit 10 oder 20 anderen Menschen. Tauchen, Surfen und die Natur genießen sind die Hauptbetätigungen, abends trifft man sich in der Bar de Cachorro, der Hundebar, die nach dem gleichnamigen Strand benannt ist (und deren Drinks alle nach Hunderassen benannt sind, aber immer die gleiche Wirkung haben: als habe einen eine Dänische Dogge umgerannt…)

fdh

Vor etwa 10 Jahren habe ich zum ersten mal davon gehört, in einem Buch des schwedischen Journalisten Tord Wallström, “Atlantens Öar”. Wallström hatte die wichtigsten Inseln im atlantischen Ozean besucht und beschrieben. Mich faszinierte seine Beschreibung dieser Inseln, die im für das vergangene Jahrtausend sicher wichtigsten geografischen Raum liegen und heute so vergessen sind, überrannt von der Beschleunigung der Zeit. Zu Wallströms Zeit galt das sicher noch vielmehr. Heute sind die meisten dieser Inseln längst wieder angeschlossen ans globale Treiben, erreichen einen Anrufe aufs Mobiltelefon hier wie überall, ermöglichen Geldautomaten und Kreditkartenterminale den sekundenschnellen Geldtransfer, erreichen Texte wie dieser per Satellit und Internet die Aussenwelt – doch diese Unterscheidung ist längst am Verschwinden.

Webseite von Tord Wallström (på svenska)

Warum Sex?

---> Wo ist das?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -8.121177S Longitude: 34.92528W

Fundsache in der Flughafenbuchhandlung von Recife, kurz vor dem Abflug nach Fernando de Noronha: Die aktuelle Ausgabe des Spiegels, Titel: “Warum Sex?”. Von hier aus gesehen ein interessantes Problem…

Bei mir entsteht der Eindruck, dass unsere Bundesrepublik nun endlich bereit ist, sich mit ihren zentralen Problemen auseinander zu setzen. Im Taxi auf dem Weg hierher hatte ich mich mit dem Fahrer über die Unterschiede zwischen Brasilien und Deutschland unterhalten. Es ging ausnahmsweise einmal nicht um Fußball, sonst Thema Nr. 1 in Brasiliens Taxis, wie es scheint. Wir einigten uns auf folgende Formel: In Deutschland versucht man zu leben, in Brasilien versucht man, zu überleben.

Surfen

---> Wo ist das?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -3.801225S Longitude: 32.404175W

Inzwischen kann man auch in Fernando de Noronha surfen. Also, im Internet. Per Satellit. Man kann auch Wellenreiten. Wenn man es kann. Und dann ist das hier offensichtlich einer der besseren Plätze am Atlantik, mit 5 Meter hohen Wellen. Ich werde meine Ambitionen unterdrücken und erst einmal Lehrstunden nehmen. Man muss nicht alles selber können, wichtige Erkenntnis meines späten Erwachsenwerdens.

Man wird allerdings nie die Eleganz erreichen, mit der dir Fregattvögel dieser – und vermutlich auch anderer Inseln die Wellen nutzen, um vorwärts zu kommen. Es gibt in der Aerodynamik den Begriff des Boden-Luft Effektes. Der tritt dann ein, wenn ein Flügel mit geringer Höhe über eine Oberfläche gleitet. Durch den Boden-Luft-Effekt wird nun der Auftrieb verstärkt, da die Luft zwischen der Fläche und dem Flügel verdichtet wird. Beim Landen von Flugzeugen ist das ein Problem, dem mit Landeklappen beizukommen ist. Es gibt auch Fluggeräte, die speziell diesen Effekt nutzen, erlaubt er doch ein energiesparendes Vorrankommen.

fregattvogel

Die Fregattvögel nutzen diesen Effekt, in dem sie nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche hunderte von Metern weit dahingleiten. Verstärkt wird der Effekt noch durch die Aufwinde, die an den Wellenkämmen entstehen, weil diese ja die Luft verdrängen, durch die sie hindurch zum Ufer rollen. Das Schauspiel ist faszinierend: Der Vogel gleitet an eine perfekt geformte Welle heran, sobald sich diese in Strandnähe etwas erhebt. Dann gleitet er deren Wellenkamm entlang, immer so nahe an der Wasseroberfläche, wie nur denkbar. Sobald die Welle bricht und die Gischt den Vogel bedroht, schraubt er sich wie ein todesmutiger Kunstflieger zu Seite oder nach oben weg.

Man kann in Noronha surfen. Die Vögel haben die Messlatte zum Meister hoch angelegt.

Forró vor den Hunden

---> Wo ist das?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -3.801225S Longitude: 32.404175W

forro 1Eine der besten Stellen, um Forró zu tanzen, scheint mir diese: Die Bar do Cachorro, die Hundebar im Vila dos Rémedios, was vom Kleinen Larousse der portugiesisch-brasilianischen Sprache immerhin als die Hauptstadt des (ehemaligen) Territoriums Fernando de Noronha genannt wird. Diese Zeiten sind vorbei, das Dorf (port. Vila) ist ein Dorf. Und die Bar ist vermutlich der östlichste Punkt dieser Erde, auf dem man Forró tanzen kann unter freiem Himmel und auf brasilianischem Boden.

Nicht dass es die beste Stelle wäre, was die Anzahl und das Können der Tänzerinnen angeht. Die meisten sind aus der brasilianischen Oberschicht in São Pauli oder Rio und haben mit diesem Tanz für “Dienstmädchen und Taxifahrer” wenig am Hut. Es ist einfach ein wunderbarer Ort, weil die Zahl der Sterne ins Endlose geht, die Stimmung ausgelassen ist und weil einer der hier ansässigen, Pedro Miguel, ein wahrer Meister und seine Partnerin (die für den Tanzboden…) sowohl unbewegt als auch auf der Tanzfläche eine Augenweide ist.

forro 2

Forró stammt angeblich von dem englischen Ausdruck: “For all” statt, es sei eine Veranstaltung für alle. Der Legende nach waren es entweder englische Kautschuk oder Eisenbahn-Gesellschaften oder im Nordosten stationierte US-Soldaten des zweiten Weltkrieges, die diese Tanzabende “Für alle!” durchgeführt haben. Ich halte inzwischen letztere Theorie für die wahrscheinlichere. Auch hier auf Fernando de Noronha gab es solche Soldatencamps im zweiten Weltkrieg. Dass wir es bei den Tanzabenden in der “Hundebar“ mit einer ununterbrochenen Tardition zu tun haben, ist allerdings mehr als unwahrscheinlich.

Gespielt wird Forró klassischerweise mit einem Akkordeon, einer Triangel und der Basstrommel, genannt Zabumba (klingt genauso!). Heute ist die elektrisierende Musik längst elektriifiziert, werden E-Gitarren, Bassgitarren und Schlagzeug hinzugenommen, mischen sich karibische Einflüsse mit dem Original des nordostbrasilianischen Hinterlandes. In Brasilien füllt Forró inzwischen längst die Tanzhallen, weil er das bietet, was die wenigsten brasilianischen Tänze haben: Er ist einfach, leicht erlernbar (ca. 2 Minuten für die ersten Schritte) und spektakulär, wenn die Meister rangehen. Dann werden akrobatische Elemente eingebaut, wie sie der Rock’n Roll oder davor der Swing kennen. Auch das spricht eigentlich für die amerikanische Variante der Legende. Doch gerade die Einfachheit des Grundschrittes macht Forró zu einem Tanz für alle, ”For all“ – sozusagen. Vamos!

Music for Maids and Taxidrivers