Archive for April, 2007

Frankophonie – Realität 0:1 …

---> Wo ist das?

Tuesday, April 24th, 2007 Latitude: 17.970896N Longitude: 102.609558E

… und andere Begegnungen.

2007-04-20_18-41-31-Savannaketh-Laos Die Franzosen betrachten Laos als ein Teil ihres imaginären Reiches, der “monde francophonique”, der französischsprachigen Welt. Als ich gegenüber einem Laoten, der 20 Jahr im französischen Exil lebte, davon spreche, dass die Franzosen noch immer gerne ihre “colonie perdu”, ihre verlorenen Kolonien besuchen, muß er lachen. Er bestätigt meinen Eindruck, daß man im Grunde in Frankreich noch immer um diese überseeischen Gebiete trauert, die man verloren hat, und deren Verlust auch irgendwie die Bedeutung des eigenen Landes mindert. Und so reisen Sie in die “verlorenen Kolonien” und sind erstaunt, dass die wenigsten dort ihrem Anspruch gerecht werden, dass doch bitte Französisch gesprochen werden soll.

Statt dessen spricht alle Welt, wenn überhaupt irgendetwas anderes als Laotisch, dann Englisch. Das sprechen die anderen zahlreichen Besucher, das spricht die Gebergemeinde und ihre Karawane, das sprechen die anderen Asiaten rund herum. Englisch war auch die bevorzugte Sprache des Physikstudenten, der uns gestern in einem der hiesig hauptstädtischen Restaurants für die bessere Gesellschaft Vientianes bediente. Nicht irgendein Englisch, britisches Englisch. Sehr distinguiert, eloquent, mit vorliebe über Filme parlierend und die Vorzüge Deutschlands preisend und, dass “Das Leben der anderen” verdient einen Oskar bekommen habe. Fernziel des jungen Mannes: Großbritannien. Und Einstein sei ein sehr interessanter Mensch gewesen.

Am Nebentisch saß ein Laotisch-Europäisches Ehepaar – wie sich später herausstellte, aus Dänemark: gekaute skandinavische Sprache, unterbrochen durch Zigarettenzüge, im Zweifelsfall dänisch, andernorts wird in Skandinavien eigentlich kaum mehr geraucht. Ansonsten sind es Schweden und mehr Schweden, allen Alters, die durch Vientiane laufen, als habe man ihnen einen Strand versprochen, der irgendwie dann doch nicht auffindbar ist. Es ist günstig, es ist warm, es ist von Stockholm aus egal wohin man fliegt, alles ist weit. Also Laos.

Einen Finnen haben wir kennengelernt, der fand selbst Laos noch teuer. Noch vor 6 Jahren sei alles viel billiger gewesen, jetzt müsse er sparen und gucken, weil er im vergangenen Monat bei einem Freund, der in Quatar als Tauchlehrer arbeitet, die große Sause gemacht hat.

In der gleichen, französischen Bäckerei, in der der Finne seinen Kaffe trank, “teuer, aber wenigstens richtig heiß”, kommen wir mit einer Dame aus Trinidad ins Gespräch. Den Finnen hatte sie verpasst, sie hätte sich gefreut, mit ihm zu plaudern. Und dann erzählt sie, die mit einem finnischen Diplomaten verheiratet ist, von Ihren Versuchen, die Sprache Ihres Mannes zu erlernen: “bei meiner ersten Ankunft in Helsinki am Flughafen wollte ich die Zollbeamten freundlich begrüßen. Mein Mann ging schnell dazwischen und sagte: “Weißt Du, was Du gerade gesagt hast? ‘Erschiessen Sie mich, bitte!'”

Begegnungen dieser Art kann man in Vientianne ständig erleben: Ein “Supersize-me” Amerikaner lamentiert darüber, dass soviel lamentiert wird. Und der Asiate ja eigentlich frustriert sei, bitter und falsch. Man wünscht sich sein fettes Fell, im übertragenen Sinne, aber auch er zieht vorbei. Einen Tag später sehen wir ihn nochmal die Pizzeria-Karte studieren, mit schlecht gelaunter Miene.

Zwischen den buddhistischen Tempeln, auf der Hauptstraße der Altstadt, postieren sich abends einige wenige Prostituierte. Ein fernes Abbild von dem, was Paul Theroux in seinem 1975 erschienen Buch, “The Grand Railway Bazaar” beschreibt: Dass in Vientiane die Bordelle sauberer gewesen sein sollen, als etwa Hotels. Eine der Frauen bläst eine Mundharmonika. Offiziell gibt es keine Prostitution. Offiziell gibt es vieles nicht.

Ein pensionierter US-Polizist spricht uns in einer vietnamesischen Saftbar am Flussufer an: “Whe’are you from?” Weisshaariger Schnauzbart, Cowboy-Hut, schulterlange, weisse Haare, mehr Willie Nelson als Fernseh-Cop. Beim Gehen stützt er sich auf einen Spazierstock. Seine Mission: den Frauenhandel zu unterbinden. Er arbeitet mit der thailändischen Polizei zusammen. Um zu wissen, wem er vertrauen kann, und wem besser nicht, gibt er den Kollegen Englisch-Unterricht: “If I go into a place, I need to be sure, they are shooting at the other guys, not at me!” Sein Auftraggeber: Er selbst. Finanziert aus seiner Rente, jedoch mit großem Interesse seitens Washingtons. Dort will man an die Daten heran, die mit der von ihm für die thailändischen Gesetzeshüter konzipierten IT-Struktur gesammelt werden könnnen.

-Passt auf euch auf, ruft er uns zu, als er weghumpelt.
-Du auch!

Wir hatten uns dann noch Motorräder geliehen, in der Saftbar, ein kleines und ein größeres, mit den wir an unserem letzten Tag in Laos durch’s Hinterland gestreift sind, backofenheiße Landstraßen, Rast in einem schwimmenden Gartenrestaurant, ein Naturresevat mit ausgewaschenen Schotterpisten. Mein erster Tag auf einem richtigen Motorrad, mit richtiger Schaltung und lehrreichen Stürzen; Mut und Dummheit haben ihren Preis: Schrammen, blaue Flecken und fünf Dollar für einen geplatzten Rückspiegel, zwei für ein zerkratzten Aufkleber auf der Seite der Honda. Am Abend, kurz vor der Rückgabe, Photo vor untergehender Sonne am Mekong, Abenteurer-Pose, sonnenverbrannt, verstaubt, glücklich.

2007-04-22_18-25-36_Vientiane_Laos Eine junge Frau spricht mich an, zurückhaltend, fragt nach unserer Reise, nach dem Motorrad. Ich erkläre die Umstände, die Pose, mein Spaß am Erlebten. Sie erzählt von Ihrer Fahrt: Mit einer ebensolchen Enduro durch Laos, Thailand und Kambodia, mehrere Wochen, alleine. Von Ihren Schwierigkeiten, über die Grenze zu kommen, mit einem gemieteten Motorrad und den sich daran anschließenden Umwegen von mehreren hundert Kilometern. Von dem Fahren durch die Hitze, bei der der Fahrtwind nicht mehr kühlt, weil man gar nicht soviel schwitzen kann, wie dafür nötig wäre. Von den unvermeidlichen Stürzen und dass man zusehen muss, dass man nicht unter die zentnerschwere Machine kommt. Ich nicke. Vor einem Jahr habe sie ihren Führerschein gemacht, in Vancouver, wo sie herkommt.

All das kommt im typischen, zurückhaltenden, unaufgeregt kanadischem Tonfall. Wir verabschieden uns, sie läuft über den Platz am Ufer, ich starte mein Motorrad und bin erstaunt, über sie, über mich. Fast schon routiniert kommen inzwischen die Gänge, und ich fahre nochmal zu ihr hin und spreche sie an,
– Respekt, das hat mich beeindruckt.
Sie stutzt, versteht nicht, ich erkläre:
– Gerade noch habe ich mich für ziemlich “tough” gehalten, ein Tag mit einer Enduro auf laotischen Berg-Pisten. Das war, bevor ich Dich getroffen habe.

Held für einen Tag. Sie lacht, bedankt sich, wir gehen auseinander, ich brause davon, eine letzte Runde über die Uferstaße Vientianes in der kurzen Dämmerung.

Savannakheth, Laos

---> Wo ist das?

Wednesday, April 18th, 2007 Latitude: 16.586185N Longitude: 104.761677E

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Ponton-Benz im Wohnzimmer

---> Wo ist das?

Wednesday, April 18th, 2007 Latitude: 16.564077N Longitude: 104.749359E

Beim Gang durch die Strassen Savannakheths bieten sich dem Besucher detallierte Einblicke ins Familienleben: Das Wohnzimmer ist ebenerdig, zum Trottoir hin in der Regel vollständig offen, am hinteren Ende die Wohnzimmerwand mit einem dauerlaufenden Fernsehapparat, alternativ der Musikanlage, gerne auch beides. Die calvinistische Offenheit der Holländer (weitesgehend Durchblick von der Straße in den Hinterhof) ist diskret gegenüber den Einblicken, die man in den meisten Vierteln Savannakheths geboten bekommt.

In diesen Wohnzimmern wird versammelt, was von Wert und Bedeutung ist: Die Familie, der Fernseher, das Fahrzeug. Je nach Einkommen ist es das oder die Fahrräder, der Pick-up-Truck oder, wie wir zu unseren großen Freude entdecken konnten, Papas Benz.

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Automobilistisch sind die Spuren der ehemaligen französischen Kolonialmacht längst weggerostet. Einige, wenige “Citroen 2 CV” oder “Renault 4”, nicht einen Peugeot 504, wie sie im Strassenbild vieler (West-) afrikanischer Städte noch unterwegs sind. Statt dessen: Hyundai, Toyota, Kia, gerne auch friedlich vereint: “Good car. Toyota. Engine is Nissan. Strong. Very Good!”.

Massenhaft chinesische Motorrädchen – und: Mercedes aller Altersklassen. “You are from Germany?” “Yes! You know it? – Football! And Mercedes!” Der gemeine Deutsche ist stolz auf sein Land – und dessen Ambassador-Products

Frohes Neues Lao-Jahr!

---> Wo ist das?

Monday, April 16th, 2007 Latitude: 16.57475N Longitude: 104.750347E

Neujahr feiert der Laote als Buddhist nach dem Mondkalender. Demnach war vergangenes Wochenende Neujahr hierzulande, was vor allem mit gründlichen Waschungen (innen wie außen) vonstatten geht: Zunächst gilt es, von Tempel-Anlage zu Tempel-Anlage zu fahren, mit einem kleinen Eimerchen Wasser und die dort aufgestellten Buddha-Statuen zu begießen. Das so geheiligte Wasser wird aufgefangen, um sich damit selber Gesicht und Haare zu waschen, vermutlich ein symbolisches Abwaschen der Sünden des vergangenen Jahres.

2007-04-14_13-01-20-Savannaketh-Laos

Dazu erklingen Musik und Verse, man besucht den Tempel, lässt sich auf dem Boden nieder, begegnet Freunden und Familie, nimmt einen Imbiß zu sich. Die Fahrt oder der Gang von einem Tempel zum anderen durch die Stadt wird dann zum feuchtfröhlichen Spießrutenlauf: Überall positionieren sich jungen Leute am Strassenrand, um die Vorbeikommenden aus Eimern, Schüsseln und Wasserschläuchen mit den besten Wünschen zum neuen Jahr zu übergießen.

CIMG0372Durchgefroren: Eine Clique, die uns heftig gestikulierend zu sich holte. Nach erstem Rätselraten, ob unsere Verständigungsprobleme am mangelnden Englisch ihrer- oder mangelndem Lao unsereseits liegen, dann die Überraschung für uns: Hier hatten wir es mit einem taubstummen Freundeskreis zu tun, der sich zur Wasser-Party verabredet hatte. Unsere anschließende Unterhaltung lief dann erstaunlich gut – in Zeichensprache!

Zum Wasser von außen kommt “Beer Lao” von innen: Das schmackhafte Pils ist fester Bestandteil jeder Strassenparty und immer wieder wird man eingeladen, sich erst begießen zu lassen, dann wird man mit Babypuder im Gesicht geweisselt und anschließend darf man die innere Spülung vornehmen. Viel hilft viel ist auch hier die Devise, nach drei Tagen andauerndem Neujahrfeiern im Stil einer improvisierten Love-Parade, stellt sich eine gewissen Ermüdung ein.

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Da in diesem Jahr Neujahr auf ein Wochenende fiel, hat die Regierung den feiertäglichen Ausnahmezustand arbeitnehmer-freundlich um 2 Tage verlängert. Für mich beeindruckend das breite Spektrum von frommer Andacht einiger weniger in den Tempeln bis zur ausgelassenen Strassenparty der halbwüchsigen. Ganze Schwärme fast immer schwarzgekleideter Jugendlicher brausen auf Kleintransportern, Pickups oder als Roller-Corso durch die Stadt, um sich duschen zu lassen. Dazu ein buddhistisch-kommunistischer Festumzug, wildes Gemengelage diese laotischen Spaßgesellschaft: Sabay-ie-die Pi Mai, Happy Lao New Year!

Lao-Rock

---> Wo ist das?

Monday, April 16th, 2007 Latitude: 16.574N Longitude: 104.750345E

Auf eine laotische Neujahrsparty eingeladen zu sein bedeutet: Bier, Babypuder und Wasser, jede Menge Wasser. Das im Buddhatempel durch Statuen-Berührung geheiligte Nass wird dem Neuankömmling kühlend in den Nacken geschüttet, dann wird mit dem schmackhaften “Beer Lao” angestossen, dann kommt das Babypuder auf die Backen, dann wird gegessen, dann getanzt (im Kreis herum, Frauen außen, Männer innen, gerne auch zur Abwechslung als Line-Dance mit sanften Wellenbewegungen, was eine Gruppe Tänzer wie Guppies im Wellenbad aussehen lässt).

lao new year

All dies zu ohrenbetäubender Musik, die aus überdimensionalen Boxenwänden schallt und meist von einem im Keyboard versteckten Schlagzeuger, dem Keyboarder selber und einem Gitarristen erzeugt wird. Zusätzlich Gesang, der teils auswendig gekonnt, teils offensichtlich improvisiert wird. Das ganze in der oben beschriebenen Reihenfolge, oder auch nicht, auf alle Fälle wiederholt.

lao

Die Musik kling in meinen Ohren wie ewiger Reggae, Raga-Remix, Surf-Rock und dann auch wieder nicht – asiatisch leiernd, gehirn-entwindend und nach einiger Zeit macht sich, in Wechselwirkung mit dem Bier und der Hitze, Gelassenheit breit – Guppies im Wellenbad. Die Band intoniert etwas, das wie Twist klingt, wir legen ein Tanzbein hin, das in etwa wie Twist aussieht, die Sensation ist perfekt, man hat das Gefühl, eine Revolution anzustossen.

lao new year music

Mir wird die E-Gitarre gereicht, das Glück ist dem, der nach Gehör spielen kann, in der Kakophonie aus den längst krachernen Boxen vertrau ich eher darauf, dem Keyboarder die Akkorde von der Hand abzulesen. Moll, Moll, Dur, 2 rauf, drei runter, merkt sowieso kaum einer.

lao electric guitar

– trink ich, klingts für mich ok, trinkt ihr, für euch.

Wir werden kaum entlassen, als wir zurück an die Arbeit müssen: Die kleine Lunchparty der Fernseh-Kollegen sollte für uns nur der Auftakt für das feucht-fröhliche Wochenende gewesen sein.

Alle Bilder: Helmut O.