Archive for December, 2005

Seltener Mac – häufiger Mack!

---> Wo ist das?

Tuesday, December 13th, 2005 Latitude: 37.278424N Longitude: 49.597778E

2005-12-02_16-34-18_teheran_iran Bereits auf meinem ersten Spaziergang durch Teheran lächelt mich der angeknabberte Apfel von Weitem an: Der vemutlich einzigste Apple-Laden im Iran. Beim näheren Hingucken entpuppte sich die Veranstaltung als eher trauriges Ereignis: Ein längst verblasste Rechner schlummert hinter vergitterten Schaufenstern – es war Donnerstag und nach islamischem Kalender also Wochenende. Unter der Ladentheke ein iBook-Karton. Der Rest: Computerteile und -zubehör, alles eher PC’s zugeordnet. Nichts Neues, nirgendwo.

2005-12-02_16-35-27_teheran_iran Ähnlich das Bild auf Irans Strassen. Vor allem die Lastwagen sind deutlich “pre-revolution”. Das heißt, vor 1979. Alte Leyland, Mercedes, DAF, Volvo aus europäischer Produktion sowie Freightliner, White und immer wieder die massiven “Mack” aus den USA. Alle aus einer Zeit, als Persien mit seinem Schah als Land des Morgens verstanden wurde. 2005-12-08 13-49-19 rasht gilan iran

Heute stattdessen beherrscht Gestriges das Bild. Die alten Lastwagen, für die keine Ersatz besorgt oder bezahlt werden kann, sind dafür nur sinnbildlich. Die amerikanischen Handels-Sanktionen haben nicht nur die Straßen des Landes in ein Museum verwandelt. Höhepunkt: Ein Dodge Pick-Up, aus den 30er, 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Im Büro der stellvertretenden Direktoren der internationalen Abteilung der Nationalbank entdecke ich eine Tischflagge mit “Visa” und “Mastercard”-Symbolen drauf. Nirgendwo im Iran kann man mit Kreditkarte zahlen. “Das ist wohl eher ein historisches Souvenier” frage ich einen der Herren. “Mitnichten, wir sind immer noch Mitglieder!” Einzig der Code sei seit einigen Jahren gesperrt, fügt er mit einem Schulterzucken hinzu.

Smog on the run…

---> Wo ist das?

Sunday, December 11th, 2005 Latitude: 35.895169N Longitude: 50.802841E

laster Mittwoch war frei für alle öffentlichen Einrichtungen, darunter auch die Journalistenakademie. Smogalarm. Wie alle anderen, die die Möglichkeit hatten, verliessen wir die Stadt Richtung Norden. In zentimeterdichtem Verkehr geht es über eine Stunde lang durch die hässlichen Vororte des Molochs. Danach wechseln sich Fabrikgelände mit trockenem Brachland ab.

Nach etwa 2 Stunden erreichen wir die ersten Ausläufer der Alborz-Berge. Um uns herum Autos, Lastwagen und Busse wie aufgescheuchte Wespen. Paykans, der automobile Klassiker des Irans, beherrschen das Bild. Eine Konstruktion, die ihre Wurzeln sichtbar in den späten Sechzigern des vorigen Jahrhunderts hat. Im Kontrast zu den allgegenwärtigen vorrevolutionären Lastwagen sind sie geradezu modern. Die meisten der ebenso betagten Busse stammen aus dem iranischen Mercedes-Werk, basieren auf Entwürfen aus den 1950er Jahren. Zweieinhalb Tage braucht ein solches Vehikel von Teheran nach Istanbul. Eines der großen Plakate auf dem Strassenrand wirbt für ein Automuseum. Mit einem Ford T-Modell.

2005-12-07 16-26-00 alborz berge  iran Plötzlich bricht das Hochland ab, auf dem wir unterwegs sind. Die Strasse windet sich durch die winterlich kahle Landschaft abwärts. Landwirtschaft prägt nun das Bild, Äcker und immer wieder Olivenbäume. Wir halten in einem Ort, in dem entlang der Hauptstrasse ein Laden neben dem anderen Oliven und andere Produkte anbietet. Unser Fahrer empfiehlt einen kleinen Shop am Ortseingang.

“Good afternoon” begrüßt uns der Geschäftsmann und wirft die zwei anderen englischen Wörter, die er kennt, gleich hinterher. Wir stecken unsere Finger in die feilgehaltenen Oliven und probieren: Oliven eingelegt mit gemahlenen Nüssen, in Flüssigkeit, in Plastiktonnen und aquariumartigen Behältnissen. Granatapfelmus und jahrzehntelang in Essig eingelegter Knoblauch bieten weiter Geschmackssensationen. Wir kaufen Öl und Seife für zuhause und Oliven als Wegzehrung.

Auf der anderen Strassenseite ist die örtliche Ölmühle. Unser Olivenverkäufer lädt uns zur Besichtigung ein, die Arbeiter und Aufseher sind erfreut, uns ihre neue, italienische Anlage vorführen zu können. Dann geht die Fahrt weiter, durch die Nacht Richtung Norden, zum Kaspischen Meer.

Eine Weltkarte der Friseure

Wednesday, December 7th, 2005 Latitude: S Longitude: E

Was sagt man seinem Friseur, wenn man keine gemeinsamen Worte hat? Wenig sagt man – und versucht durch Gesten und Andeutungen doch zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Russisch und Farsi sind zwei Sprachen, in denen ich nur wenig sagen kann, für einen Friseurbesuch reicht es definitiv nicht.

Meinen vorletzten Haarschnitt habe ich in einem russischen ehemaligen Militärhotel bekommen, meinen aktuellen in einem iranischen Viersternehotel. Ein Kollege des Friseurs übersetzte anfänglich für mich meine Vorstellungen aus dem Englischen ins Farsi. Dann allerdings verließ er den Raum.

Der Haarschnitt selber war schnell ausgeführt, mit wenig Aufwand. Dafür blieb mehr Zeit für Tee und Gebäck und eine bemerkenswerte Nachbehandlung.

Zunächst wurden meine Haare gewaschen. Dazu hatte ich mich mit dem Kopf übers Becken zu beugen, Gesicht nach unten. Das Wasser kam aus dem über meinen Kopf geschwenkten Wasserhahn, vermischte sich mit dem Schampoo und lief an meinen Wangen entlang in Mund und Nase.

Der Friseur warf mir ein Handtuch über den Kopf. Ich lehnte mich zurück in den Stuhl. Er rubbelte die Haare leidlich trocken. Danach schnallte er sich etwas auf seinen Handrücken. Was es war, konnte ich nicht erkennen, meine Brille lag auf der Ablage vor mir.

Ein Brummen setzt ein, dann beginnt mein Kopf zu vibrieren, als würde ein Erdbeben den Raum erschüttern. Im Zentrum dieser hirnerschütternden Erfahrung spüre ich seine Hand, wie sie über meinen frisch frisierten Schädel gleitet. Er hatte sich einen Vibrator auf den Handrücken geschnallt und führte nun eine elektromechanisch verstärkte Kopfmassage aus.

Nachdem mein erster Schock überwunden ist, setzt der Genuß ein. Seine Hand rüttelt sich meinen Hals hinab, über Nacken und Schulter zurück zu den Schläfen. Ein infernalisches Geräusch legt sich auf die Ohren, als die Hand darüber fährt. Meine Gedanken fallen zusammen wie Mikadostäbe.

15 Dollar später – Hotelpreise sind auch in Teheran nicht bescheiden – verlasse ich die kleine Friseurstube um eine Erfahrung und um einen weiteren Punkt reicher auf meiner Weltkarte der Friseure:

  • Stockholm, Schweden
  • New York, USA
  • Cannobio, Italien
  • Lissabon, Portugal
  • Köln, Deutschland
  • Riga, Lettland
  • Swetlogorsk, Russland
  • Teheran, Iran

Flugzeug

Wednesday, December 7th, 2005 Latitude: S Longitude: E

Geplant war, dass wir mit dem Flugzeug übers Wochenende nach Shiraz fliegen. Ausschlußkriterium: Wenn es nur Flüge mit einer Tupolew gibt, bleiben wir am Boden. Es gab nur Flüge mit einer Tupolew. Wir fahren nun mit dem Auto ans Kaspische Meer. Anbetracht des jüngsten Absturzes in Teheran erscheint uns der Verzicht auf einen Besuch in der allgemein als wunderschön gepriesenen historischen Stadt als ein geringer.

In der abgestürzten C130 des iranischen Militärs sind viele Journalisten, auch Kollegen des staatlich iranischen Rundfunks, ums Leben gekommen. Auch unsere Partner von der Ausbildungsabteilung sind betroffen, in der Maschine waren auch Teilnehmer früherer Kurse.

Der härteste Job auf Erden

---> Wo ist das?

Wednesday, December 7th, 2005 Latitude: 35.761008N Longitude: 51.409867E

policeIn der Liste der härtesten Jobs auf Erden steht der Teheraner Fahrradkurier ganz oben. Bisher haben wir noch keinen solchen entdecken können. Wahrscheinlich liegen alle mit schwerem Asthma in den Krankenhäusern. Auf Platz zwei sind die Verkehrspolizisten dieser Stadt, die die Einheimischen scherzhaft den größten Parkplatz der Welt nennen.

Die Fahrt von unserem Hotel zur Journalistenakademie, wo unser Workshop stattfindet, dauert bei – nur nachts vorhandenen – freien Straßen etwa 7 Minuten. Der Rückweg in der Rushhour am nachmittag nimmt gerne 30 oder mehr Minuten ein. Die Luft ist durch den ständigen Verkehr und die momentane Wetterlage so mit Abgasen angereichert, dass sie beim Atmen schmerzt.

Täglich – so berichtete uns ein Teheraner -kommen zu den mehr als 4 Millionen Autos 1800 neue hinzu. Aussortiert, so scheint es, werden nur wenige: Immer wieder sieht man Autos, die bereits vor der Revolution 1979 unterwegs waren.