(K)eine Weihnachtsgeschichte

---> Wo ist das?

December 23rd, 2005 Latitude: 31.708016N Longitude: 35.202599E

Esel Josef erinnert sich noch sehr genau an die Reise nach Betlehem. Warum man extra hinfahren musste, und die Registrierung nicht einfach über’s Internet vornehmen konnte? Das hatte er vergessen. Damals waren sie vielleicht noch nicht so weit, dachte er.

Maria war hochschwanger gewesen. Maria, die er kennengelernt hatte und die schon damals schwanger gewesen war. Also keinesfalls von ihm. Daran erinnert er sich noch genau und auch an sein Gefühl dazu: Lange genug gewartet, Zeit für Kinder, egal von wem. Er konnte ja nicht ahnen, dass andere Männer andere Väter abgeben.

Sie ist eine gute Mutter. So gut, dass Väter in ihrem Leben nicht wirklich eine Rolle spielen sollten. So hatte sie das nie gesagt. Aber am Ende, dachte Josef, hat sie’s dann so gelebt. Der Kleine Jesus war die meiste Zeit bei Ihnen zu Hause. Und weil Josef eben nur der Plastpappa, Bonus-Papa, Stiefvater war (was gab es nicht alles für Bezeichnungen für solche wie ihn), spielte er nur die halbe Geige. Die andere Hälfte spielte Lieber.

Lieber hätte sich gerne mehr um seinen Sohn gekümmert. Sagte er. Aber das soll so nicht sein, fand Maria. Das Kind braucht ein Zuhause, betonte sie immer. Und deswegen war Jesus bei Ihnen.

Lieber, das war der Vater von Jesus. Eigentlich Lieber Gott, aber Josef fand den Nachnamen etwas pompös und deswegen nannte er ihn beim Vornamen. Am Anfang war es so: Lieber kam manchmal, holte Jesus ab, ging mit ihm in den Tempel oder den Zoo und brachte ihn wieder. Manchmal übernachtete Jesus auch bei seinem Vater, aber eher selten. Dafür hatte Maria gesorgt. Mehr sollte es nicht sein, Jesus wurde damals noch gestillt. Das war ein guter Grund, das Kind nicht abzugeben, fand Maria. Lieber konnte dagegen kaum etwas sagen und fügte sich.

Doch auch Jesus wuchs irgendwann aus dem Stillalter heraus. Eher später als früher, wie sich Josef erinnerte. Damals wurde dann viel gestritten darum, wo Jesus sein sollte. Eines Tages war dann Maria – wie sie sagte – alles zuviel geworden. Sie hatte es satt, dass Lieber ständig an ihrer Mutterrolle rummachte. Naja, Lieber konnte auch ganz schön krätzig sein, erinnerte sich Josef. “Du still-isierst Dich ja zur Übermutter auf”, war da nur einer der Kommentare gewesen. Nein, das war nun wirklich nicht komisch, schmunzelte Josef. Für Jesus erst recht nicht. Der wollte eigentlich nur, dass seine Eltern sich vertragen. Zusammen oder auseinander, dachte Josef, aber wer weiss das schon bei einem Kind, was es wirklich will.

Marie hatte gefunden, sie wisse es. Erst hatte sie Lieber per e-Mail mitgeteilt, er könne sein Kind jetzt nur noch dann und wann sehen. Und wann genau, das teilte sie ihm auch gleich mit. Als Lieber ausgeflippt war deswegen, war sie zu einer Rechtsanwältin gegangen und dann zu einer Familienrichterin und hatte noch die Damen vom Jugendamt mobilisiert. Am Ende saß Lieber mit seinem Wunsch nach Vaterschaft einer Phalanx von drei Muttertieren gegenüber. Das einzige was er zu bieten hatte, war ein weiterer Vater: Seinen Rechtsanwalt, ein weiser, aber kampfesmüder Mann.

“Herr Gott, lassen sie’s einfach” hat sein Rechtsanwalt gesagt, “hier gibt’s nix zu gewinnen, nur zu verlieren”. Und da, so hat’s Lieber ihm mal erzählt, da sei ihm dann letztendgültig klar geworden, dass man sich um Kinder nicht streiten kann. Und seither streitet Lieber nicht mehr.

Jesus ist jetzt alle vierzehn Tage für zwei Nächte bei seinem Vater. Und Mittwochs treffen sie sich auch manchmal. Und so hat Jesus nun ein Zuhause und zwei halbe Väter.

Richtig verstanden hatte Josef das nie. Dass sich Lieber so aufregte. Und Maria sich so wehrte. Jetzt ist es manchmal so, dass ihr die ganze Mutterschaft über den Kopf wächst. Immerhin: Auch Jesus wächst. Und stellt Fragen. Und hat Forderungen. Und braucht eigentlich vier Mütter und fünf Väter, die ihn lieben. Wie jedes Kind übrigens, dachte Josef und wandte sich wieder der Kreissäge zu.

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