Fisch, Fleisch, Gehirn

---> Wo ist das?

December 17th, 2005 Latitude: 35.675147N Longitude: 51.443481E

Märkte faszinieren mich. Heute war ich im Norden der Stadt auf einem kleineren Bazar. Immer noch größer als ein deutscher Großmarkt. Obst, Kleider, Devotionalien, Schuhe, Frischware: Fisch, Fleisch, Gehirn. Fasziniert fotografiere ich. Weil ich nicht alles kaufen kann? Weil ich nicht alles mitnehmen kann? Weil mich die Farben reizen, Gelbwurz und Fischblut?
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Mich fasziniert, was wir zu uns nehmen und wie. Auf den Märkten dieser Welt ist, was wir essen, noch erfahrbar. Die Früchte können befühlt, probiert, gerochen werden. Der Fisch liegt erkennbar vor uns, seine Augen geben Auskunft. Sind sie klar? Sind sie angelaufen? Nase, Mund, Ohren und Hände sind im Einsatz, um sich eine Schneise durch diese Eindrücke zu bahnen. Dorthin, wo das liegt, was uns sättigen, erfreuen, befriedigen soll.

Fische liegen in einem Trog auf Eis, frische Forellen. Einige zucken noch, der ganze Körper schnellt konvulsiv hoch, wie in Erinnerung an die Stromschnellen, die er vormals überwunden hat. Überwunden, um dann am Ende hier, am Fuße der schneebehangenen Berge, an einer der für Teheran typisch chaotischen Hauptstraßen mit seinesgleichen in einem Trog zu enden, zuckend und somit die eigene Frische anzeigend.
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Ich versuche, das Sterben des Fisches mit meiner Kamera einzufangen. Das Springen der Forelle, nicht im gleißenden Sommerlicht, sondern der Kälte der Leuchtstofflampen. Warum schaue ich so genau hin? Warum will ich den Tod festhalten, um ihn dann – zeitgefroren – in Ruhe betrachten zu können? Meine Faszination ist mir fremd – und gleichermassen fasziniert sie mich.

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Die vielen Eindrücke, die Bilder. Die Menschen mögen es, fotografiert zu werden. So werden sie gesehen, aus ihrer Alltäglichkeit herausgehoben, für den kleinen Augenblick, in dem sich jemand für sie und nicht nur für ihre Ware und die Preise interessiert.

Am Ende steht ein Straßenkehrer auf der Straße. In seinem orangenfarbenen Regenanzug und einem Reisigbesen in der Hand gleicht er einem überlebensgroßen Zwerg. Ich zeige auf meine Kamera, er nickt zustimmend und stellt sich zum Foto auf. Ich fange ihn ein, er betrachtet sich selber im Display und nickt, anerkennend, dankbar. Dann dreht er sich um und wendet sich wieder seiner Aufgabe zu. Ich lege nochmals an, jetzt bekomme ich mein Motiv.

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Zufrieden mache ich mich auf den Weg. Am Flughafen fällt mir auf, dass dies mein letztes Bild von Teheran ist: Ein großer Zwerg mit warmem Blick, der unser aller Dreck wegfegen will.

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