Archive for November, 2005

Was alles geht in Teheran…

Monday, November 28th, 2005 Latitude: S Longitude: E

teheran Mein Handy wird funktionieren. Wahrscheinlich wird es im Hotel einen Internetanschluß geben. Ein Swimming Pool gibt es, das weiss ich, denn das Hotel hat eine Webseite. Wahrscheinlich wird es keinen Espresso geben, davon wird zu berichten sein. Dollars sind eine gute Währung, um zu tauschen, aber auch um bar zu bezahlen. Euro sind eine gute Währung, um zu tauschen. Vieles wird fremd sein, sich einfach unterhalten wird nur gehen, wenn jemand Englisch spricht. Wird jemand Englisch sprechen? Sicherlich. Was man weiss über andere Menschen und Länder ist so verschwindend gering im Verhältnis zu dem, was man nicht weiss.Heute erzählte mir eine Kollegin, wie sie einmal in einer deutschen Kneipe mit Freunden russisch gesprochen hatte. Die Nachbarn lauschten eine Weile, eine der Damen beugte sich rüber, fragte höflich, welche Sprache gesprochen werde. Als man Ihr sagte, es handle sich um Russisch, lief ein Lächeln über Ihr Gesicht. Sie hatte das heitere Sprachenraten am Nachbartisch gewonnen. Meine Kollegin fragte neugierig, was den die Vermutung derjenigen gewesen sei, die verloren hatten. Nach etwas Zögern kam die nicht wenig erstaunliche Antwort: “Schweizerdeutsch.”

Prairie Wind – on the Radio…

---> Wo ist das?

Sunday, November 27th, 2005 Latitude: 51.428113N Longitude: 6.768608E
Als 13jähriger war ich nach Duisburg gefahren, aus der süddeutschen, damals heimatlichen Provinz ins elterlich-heimatliche Ruhrgebiet, als dieses noch berüchtigt war wegen seiner Umweltschäden und weniger wegen der schleichenden Vernichtung menschlicher Existenzen.Mein dort besuchter, etwa gleichaltriger Cousin mütterlicherseits zählte zu seiner LP-Sammlung auch “Comes a time” von Neil Young. Er zeigte mir die wenigen, damals als sehr kompliziert empfundenen Griffe auf der Gitarre, die es braucht, den Titelsong zu spielen. Vom Text verstand ich wenig, sehr wohl aber etwas vom Seinszustand, in den einen diese Musik versetzt. Oder den diese Musik so treffend zu begleiten vermag.Später erstand ich “Harvest”, erlernte weitere Songs und das fistelige Singen des Kanadiers. Machte mir die Brachialität seine Krachorgien à la “Live Rust” zu eigen, wenn meine innere, pubertäre Unsicherheit und die äussere, süddeutsche Provinzialität kollidierten. Irgendwann verlor ich Neil Young aus den Augen, aus den Ohren.Neil Young, Picture taken and (c) by rustovision

Neil Young machte weiter Platten, manche seltsam,

manche brilliant, denn “es ist besser zu verglühen, als zu rosten”.Neil Young ist von hier aus gesehen alt. Nicht rostig. Nicht zeitlos. In der Zeit, mit ihr mitgehend. Seine Musik, schnörkellos, schadlos gealtert, ist mir inzwischen wieder stetiger Begleiter. Mein Weg zurück war wie die Mäander eines Flußdeltas: Leonhard Cohen Songs, interpretiert von K. D. Lang, die eben auch Neil Young interpretiert: Kanadier unter sich.

Sein neues Album, “Prairie Wind”, wurzelt in Youngs Heimat Manitoba, in einer Gegend also, die Chris Whitley das “Big Sky Country” nennt.Entdeckt habe ich es im Zusammenhang mit der Radiosendung “World Café” von National Public Radio, die auch als Podcast angeboten wird. Als ich diese Sendung erstmalig gehört habe, wurde mir schlagartig klar, was ich vermisst habe beim Radiohören und -machen in den vergangen Jahren: Menschen, die Musik vor allem ernst nehmen als eine menschliche Ausdrucksform und weniger als Geldmaschine.

Neil Young war bei “World Café” zu Gast, berichtete von seinem Leben, seiner neuen Platte, seinem neuen Projekt: eine interaktive Retrospektive seines Schaffens, eine Art digitales “Neil Young Archiv” auf DVD mit Songs, Bildern, Memorabilia.Wenn ich heute reise, ist Neil Young wieder dabei. Auf meiner MP3-Kopie von “Powderfinger” ist ein für Vinylplatten typisches Knacken zu hören. Echo einer vergehenden Zeit.

Interview und Auszüge aus der Neuen Platte bei National Public Radio “World Café”.Neil Young “Prairie Wind”Chris Whitley, Living With the Law, mit dem Song “Big Sky Country”

Life’s a journey…

---> Wo ist das?

Tuesday, November 22nd, 2005 Latitude: 50.927384N Longitude: 6.937823E

sued

…day by day.

Schnelle Grüße…

---> Wo ist das?

Wednesday, November 16th, 2005 Latitude: 47.794526N Longitude: 8.729839E

Weblogs von Reisen zu schreiben, bringt eine veränderte Sichtweise mit sich. Statt nach Ansichtskartenverkaufsständen und Post-Filialen halte ich Ausschau nach Internetcafés oder Telefonleitungen für’s Modem. Ich entbinde mich mit dem Versand von E-Mails und Verweisen auf die Bildgalerie vom Verfassen kurzer Schriftsätze auf der Rückseite zweifelhafter Aufnahmen des momentanen Verweilortes.

Auf der letzten Station meiner Brasilienreise, auf Fernando de Noronha, fiel mir ein, dass meine Eltern zum immer kleiner werdenden Teil meiner Welt gehören, in dem Internetanschluß nicht dazu gehört. Da ich wußte, wo das Postamt ist, war eine Karte schnell gekauft, verfasst und versendet.

Gestern nun, 18 Tage später, kam sie bei meinen Eltern an. Im 17. und 18. Jahrhundert betrug die Laufzeit für Briefe zwischen Paraty und Ouro Preto, zwischen der Küste und dem damals Inneren der portugiesischen Kolonie, die heute Brasilien ist, etwa 24 bis 30 Tage.

Die Übertragungsdauer von E-Mails liegt im Sekundenbereich, wenn nicht sogar darunter. Allerdings: Die Freude meiner Mutter über diese Karte war so groß, dass sie mir direkt per Telefon davon berichtete. Jetzt will sie mal gucken, ob Ihr jemand die Bilder zeigen kann, die es
in der Bildgalerie gibt.

Akkordeonisch

---> Wo ist das?

Sunday, November 13th, 2005 Latitude: -8.05S Longitude: 34.9W

akkordeon Die Musik bezeichnet man gerne als Universum. Und dann? Wie teilt man ihn ein, diesen riesigen Raum, der bevölkert ist von Noten, Rhythmen, Klängen. Sind es Kontinente und Meere, Völker und Länder, die den Stilen, Melodien und Epochen entsprechen?

Der Vergleich hinkt – aber ebenso wie ein Greis hinkt und dennoch erhaben ist, weil er noch nicht des Todes ewig liegende Haltung eingenommen hat, hat dieser Vergleich seinen Wert. Hilft er uns doch in der Endlichkeit unseres Begreifens das Unendliche der Musik wenigstens skizzenhaft zu erfassen.

Was sind dann die Instrumente? Bewohner? Oder in der Gesamtheit ihrer Erscheinungsform (aller Gitarren, aller Geigen) Völker? Dann wären ihre jeweiligen Klangfarben die Sprachen und Dialekte. Mir sagt dieser Gedanke zu: “Ein wildes Volk von sechsseitigen Gitarren, die in unterschiedlich klingelnden Varianten und Dialekten einer Gitarrensprache sprechen, vom Glissando der Slide-Gitarre zum Stakkato des Flamenco.”

Mir sagt er zu, weil er mir erlaubt, in der Skizze dieses Universums eine Heimat einzuzeichnen.

Was ist Heimat? Eine Definition – und es ist die, die in meinem Leben bisher am längsten Bestand hat, ist die der Sprache. Heimat ist dort, wo die Menschen so sprechen, dass der Klang ihrer Sprache und die Art, zu sprechen mit der meinigen im Einklang sind und dieser Einklang ein Gefühl von Zugehörigkeit erzeugt.

Heimat wird so zu einem ortsungebundenen Phänomen. Heimat ist amorph, in Raum und Zeit beweglich. Dabei bedarf es nicht einer vollständigen Übereinstimmung des Klanges. Es geht um den Einklang und die Tatsache, dass er als solcher empfunden wird, dass diese Empfindung ein Zugehörigkeitsgefühl auslöst.

Was ist nun meine musikalische Heimat? Wenn wir Instrumente mit Völkern (was sind eigentlich Völker…?) gleichsetzen und ihren ureigenen Klang als Sprachen, die auch in Dialekte unterteilt werden können (Saxophone: Bariton, Tenor, Alt, Sopran -gebogen oder gerade) dann wäre Heimat dort, wo ich mich im Einklang empfinde und zugehörig. Nun bin ich kein Instrument. Dies ist nur ein hinkender Vergleich (und hier, an dieser Stelle ist eine der Mißbildungen, die ihn an den Stock zwingen…)

Akkordeonisch ist meine Heimat, zumindest was meine Empfindung zum Klang dieses Instrumentenvolkes angeht. Akkordeonisch, am ehesten im Dialekt der diatonischen Handharmonika, die in der kolumbianischen Cumbia, der dominikanischen Merengue, dem Zydeco und Cajun aus Louisiana und nicht zuletzt im nordostbrasilianischen Forró den Ton angibt, der die Musik ausmacht.

Akkordeonisch, Knopfakkordeonisch, Diatonisch-Knopfakkordeonisch, dem Dialekt der vagabundierenden Harmonikas, die von den fliegenden Händlern aus dem Vogtland und dem Schwarzwald in die Welt hinausgetragen wurden. Deren schwerfällig-teutonischer Stoßmich-Ziehmich-Rythmus noch immer aus den längst schwindelerregenden Klangkaskaden herauszuhören ist, wenn auch nur für feinstgeschulte Ohren. Vielleicht nur für solche gar, denen dieser Klang Heimat ist.

Alles was komplex ist, versucht (und erfolgreich versucht) kunstvoll zu sein mit dem Akkordeon, erwärmt mich wenig. Es ist, als führe ich durch eine Landschaft, die der heimatlichen ähnelt, aber eben nur ähnlich ist, nicht gleich. Das Bandoneon, Orgelersatz mit geradezu Bach’schem Vermögen (es fehlen die Fußpedale und Registraturen, ansonsten fehlt es nirgends an Möglichkeiten, ausufernd virtuos zu sein!), verfehlt selbst als längst profanisiertes und im Tango erotisiertes (und -erotisierendes) Instrument bei mir diese Heimat stiftende Wirkung.

Vielchörige, vielreihige, chromatische Zuginstrumente begeistern mich durch ihren Klang. Und dennoch, sie erinnern mich nur an, sie sind mir keine Heimat. Sie zielen auf meinen Kopf. Mein heimatsbestimmender Sensor hingegen wird durch den Bauch angesprochen. Oder durch das, was wir metaphorisch damit bezeichnen.

Genau da zielt die Handharmonika hin.

Die Handharmonika war das erste Rockinstrument, noch bevor es überhaupt so etwas wie Rockmusik gab. Noch bevor die Musikethnologen ausschwärmten, um ihre Aufzeichnungen zu beginnen, hatte die Harmonika schon begonnen, die Musiker-Generationen auseinander zu dividieren. Und das an vielen Orten gleichzeitig, zumindest in der westlichen Hemisphäre.

Der knopfakkordeonische Hebel war einfach: Harmonikas sind laut. Anders als die Fiedeln im frühen Cajun oder Zydeco, die Flöten in der Cumbia trägt eine Handharmonika ihre Melodien durch den lautesten Tanzsaal, und das auch ohne Verstärkung. Nur zu oft wurde die Musik dabei nach der Ankunft des teutonischen Klangmigranten rauher, einfacher, schnaufender – der Balg einer zweitönigen Handharmonika, die auf Zug und Druck unterschiedliche Töne von sich gibt, ist denkbar schwerer zu wenden, als der Bogen einer Geige oder das Zwerchfell eines Flötisten.

So kam es, dass die kleine, nahezu unkaputtbare Klangkiste Urstände feierte auf den Tanzböden rund um den Golf von Mexiko und im braslianischen Nordosten. Dass die Blasebälger der Harmonikas noch heute helfen, die musikalische Esse zu schüren, auf der immer wieder die Eisen eines heissen Tanzabends geschmiedet werden.

Mein Plattenschrank ist voller Beispiele für das, was ich hier herbeischreibe. Es finden sich dort, offen oder versteckt, mehr Akkordeons als andere Instrumente, von den allgegenwärtigen Gitarren und Schlagzeugen einmal abgesehen. Es mag daran liegen, dass das erste Instrument, dass ich als Kind hörte, der erste musikalische Klang, noch in dem Bett, in dem ich geboren wurde, eine diatonische Handharmonika war. Gespielt von meiner Mutter. Aber das erinnere ich nicht, es wurde mir zur identitätsstiftenden Mythenbildung berichtet.

Mein Empfinden beim Klang einer zum Tanz treibenden Harmonika scheint irgendwo dort verwurzelt zu sein, mutterschoßnah, embryonal beheimatet.

Es gibt ein Lied des brasilianischen Forró-Übermeisters Luiz Gonzaga namens “Respeito Januario”, seinem Vater gewidmet. Darin besingt er seinen eigenen landesweiten Erfolg – er ist zweifelsohne der bekannteste brasilianische Akkordeonspieler und Forró-Interpret – und die Aufforderung, als er in die Heimat (!) zurückkehrt, er solle dennoch die rauhe, diatonische Musik seines Vaters in Ehren halten:

“Luí”, tu pode ser famoso,
mas teu pai é mais tinhoso
E com ele ninguém vai, “Luí”
Respeita os oito baixos do teu pai!.

“Luiz”, du magst berühmt sein
Aber Dein Vater ist räudiger
Und so wie er spielt keiner, “Luiz“
Ehre die die acht Bässe (der Handharmonika) Deines Vaters!

Als ich den Text zum ersten Mal las und verstand, traten mir Tränen in die Augen. Das ist meine Heimat: Das weite Land Akkordeonien, darin die Winkel, in denen die Handharmonika schnauft.

  • “Respeita Januario!” gespielt von Gilberto Gil, von der Platte: “São João Vivo”.
  • “Forró” aus der Reihe “Brazil Classic” von David Byrne, inzwischen schon wieder eine historische Compilation, aber immer noch sehr gut und mit hervorragendem Booklet. Meine “Einstiegsdroge”.