Archive for October, 2005

Warum Sex?

---> Wo ist das?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -8.121177S Longitude: 34.92528W

Fundsache in der Flughafenbuchhandlung von Recife, kurz vor dem Abflug nach Fernando de Noronha: Die aktuelle Ausgabe des Spiegels, Titel: “Warum Sex?”. Von hier aus gesehen ein interessantes Problem…

Bei mir entsteht der Eindruck, dass unsere Bundesrepublik nun endlich bereit ist, sich mit ihren zentralen Problemen auseinander zu setzen. Im Taxi auf dem Weg hierher hatte ich mich mit dem Fahrer über die Unterschiede zwischen Brasilien und Deutschland unterhalten. Es ging ausnahmsweise einmal nicht um Fußball, sonst Thema Nr. 1 in Brasiliens Taxis, wie es scheint. Wir einigten uns auf folgende Formel: In Deutschland versucht man zu leben, in Brasilien versucht man, zu überleben.

Surfen

---> Wo ist das?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -3.801225S Longitude: 32.404175W

Inzwischen kann man auch in Fernando de Noronha surfen. Also, im Internet. Per Satellit. Man kann auch Wellenreiten. Wenn man es kann. Und dann ist das hier offensichtlich einer der besseren Plätze am Atlantik, mit 5 Meter hohen Wellen. Ich werde meine Ambitionen unterdrücken und erst einmal Lehrstunden nehmen. Man muss nicht alles selber können, wichtige Erkenntnis meines späten Erwachsenwerdens.

Man wird allerdings nie die Eleganz erreichen, mit der dir Fregattvögel dieser – und vermutlich auch anderer Inseln die Wellen nutzen, um vorwärts zu kommen. Es gibt in der Aerodynamik den Begriff des Boden-Luft Effektes. Der tritt dann ein, wenn ein Flügel mit geringer Höhe über eine Oberfläche gleitet. Durch den Boden-Luft-Effekt wird nun der Auftrieb verstärkt, da die Luft zwischen der Fläche und dem Flügel verdichtet wird. Beim Landen von Flugzeugen ist das ein Problem, dem mit Landeklappen beizukommen ist. Es gibt auch Fluggeräte, die speziell diesen Effekt nutzen, erlaubt er doch ein energiesparendes Vorrankommen.

fregattvogel

Die Fregattvögel nutzen diesen Effekt, in dem sie nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche hunderte von Metern weit dahingleiten. Verstärkt wird der Effekt noch durch die Aufwinde, die an den Wellenkämmen entstehen, weil diese ja die Luft verdrängen, durch die sie hindurch zum Ufer rollen. Das Schauspiel ist faszinierend: Der Vogel gleitet an eine perfekt geformte Welle heran, sobald sich diese in Strandnähe etwas erhebt. Dann gleitet er deren Wellenkamm entlang, immer so nahe an der Wasseroberfläche, wie nur denkbar. Sobald die Welle bricht und die Gischt den Vogel bedroht, schraubt er sich wie ein todesmutiger Kunstflieger zu Seite oder nach oben weg.

Man kann in Noronha surfen. Die Vögel haben die Messlatte zum Meister hoch angelegt.

Forró vor den Hunden

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Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -3.801225S Longitude: 32.404175W

forro 1Eine der besten Stellen, um Forró zu tanzen, scheint mir diese: Die Bar do Cachorro, die Hundebar im Vila dos Rémedios, was vom Kleinen Larousse der portugiesisch-brasilianischen Sprache immerhin als die Hauptstadt des (ehemaligen) Territoriums Fernando de Noronha genannt wird. Diese Zeiten sind vorbei, das Dorf (port. Vila) ist ein Dorf. Und die Bar ist vermutlich der östlichste Punkt dieser Erde, auf dem man Forró tanzen kann unter freiem Himmel und auf brasilianischem Boden.

Nicht dass es die beste Stelle wäre, was die Anzahl und das Können der Tänzerinnen angeht. Die meisten sind aus der brasilianischen Oberschicht in São Pauli oder Rio und haben mit diesem Tanz für “Dienstmädchen und Taxifahrer” wenig am Hut. Es ist einfach ein wunderbarer Ort, weil die Zahl der Sterne ins Endlose geht, die Stimmung ausgelassen ist und weil einer der hier ansässigen, Pedro Miguel, ein wahrer Meister und seine Partnerin (die für den Tanzboden…) sowohl unbewegt als auch auf der Tanzfläche eine Augenweide ist.

forro 2

Forró stammt angeblich von dem englischen Ausdruck: “For all” statt, es sei eine Veranstaltung für alle. Der Legende nach waren es entweder englische Kautschuk oder Eisenbahn-Gesellschaften oder im Nordosten stationierte US-Soldaten des zweiten Weltkrieges, die diese Tanzabende “Für alle!” durchgeführt haben. Ich halte inzwischen letztere Theorie für die wahrscheinlichere. Auch hier auf Fernando de Noronha gab es solche Soldatencamps im zweiten Weltkrieg. Dass wir es bei den Tanzabenden in der “Hundebar“ mit einer ununterbrochenen Tardition zu tun haben, ist allerdings mehr als unwahrscheinlich.

Gespielt wird Forró klassischerweise mit einem Akkordeon, einer Triangel und der Basstrommel, genannt Zabumba (klingt genauso!). Heute ist die elektrisierende Musik längst elektriifiziert, werden E-Gitarren, Bassgitarren und Schlagzeug hinzugenommen, mischen sich karibische Einflüsse mit dem Original des nordostbrasilianischen Hinterlandes. In Brasilien füllt Forró inzwischen längst die Tanzhallen, weil er das bietet, was die wenigsten brasilianischen Tänze haben: Er ist einfach, leicht erlernbar (ca. 2 Minuten für die ersten Schritte) und spektakulär, wenn die Meister rangehen. Dann werden akrobatische Elemente eingebaut, wie sie der Rock’n Roll oder davor der Swing kennen. Auch das spricht eigentlich für die amerikanische Variante der Legende. Doch gerade die Einfachheit des Grundschrittes macht Forró zu einem Tanz für alle, ”For all“ – sozusagen. Vamos!

Music for Maids and Taxidrivers

Business is open!

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Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -3.801225S Longitude: 32.404175W

business

Warum Reportagen?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: S Longitude: E

Ein Buch begleitet mich auf dieser Reise. Es ist vom Meister der Reportage, dem Polen Richard Kapuschzinski, der Titel lautet “ Die Welt im Notizbuch”. Mein Freund Jarek hat es mir zum Geschenk gemacht und es wächst zu einer Art Katechismus heran. Kapuschinski zeigt sich sehr pessimistisch über den Zustand der Medien, über die Entwicklung menschlicher Wahrnehmung, allgemein über den Zustand der Welt. pessimistisch, dabei aber nie hoffnungslos oder deprimiert. dafür ist er zu intelligent, zu emphathisch mit den Bewohnern dieses Planeten.

Das Buch regt mich ständig an, meine eigene Rolle, meinen eigenen beruflichen Ursprung als Radio-Reporter zu reflektieren. Was kann man noch machen, in einer übermedialisierten Welt, worin liegt der Wert der Reportage, wenn längst jeder überall hin kann, alles sehen kann, alles erreichbar ist, erster, oder eben zweiter Hand erfahren werden kann?

Ich glaube, der Wert der Reportage liegt im genauen Hinschauen. Im Übersetzen, Interpretieren des Sichtbaren. Dafür muss der Reporter mehr sehen, mehr fragen, mehr können. Ständig lernen, lesen, aufnehmen.

“Die Welt im Notizbuch”