Archive for October, 2005

Bahia trommelt…

---> Wo ist das?

Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -12.973033S Longitude: 38.508244W

…und zwar 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Immer, überall, aber am meisten im Pelourinho, der Altstadt. Für jeden gibt es einen Bloco: Junge, Alte, Männer, Frauen, gemischt oder getrennt.

Es wird miteinander getrommelt – und im sportlich-musikalischen Wettstreit auch gegeneinander. Der Klang ist ohrenbetäubend, die Gassen sind eng, die Wände verstärken so den Wumms der Instrumente ein weiteres Mal. Alles gerät in Vibrationen, der Wucht der Trommeln ist nicht zu entkommen. Andere Musiker halten mit Verstärkern dagegen und kreieren an den Übergängen eine afrobahianische Kakophonie sondergleichen.

Use.Reuse.Bahia

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Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -12.964496S Longitude: 38.50472W
lili

Lili mit einer Ihrer Taschen, hergestellt aus Dosenverschlüssen, wie man sie in der Altstadt Bahias zu Tausenden finden kann.

AfroBahia

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Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -12.976488S Longitude: 38.510395W

Salavador gilt als afrikanischste Stadt Brasilien. Die erste Hauptstadt der ehemalig en portugiesischen Kolonie und Zuckermetropole des Landes war gleichzeitig auch wichtigster Hafen für den Sklavenhandel. Die Bevölkerung ist größtenteils Schwarz – in allen denkbaren Schattierungen.

Drei afrikanische Kulturinstitute markieren die Verbundenheit mit dem Kontinent auf der anderen Seite des Atlantiks, das “Casa do Benin“, das “Caso do Nigeria“ und nicht zuletzt das “Casa de Angola“. Drei verschiedene Länder, drei verschiedene Häuser, ein Problem: Kein Geld.

Das Casa do Benin liegt mitten in der Altstadt, an einer lebendigen Kreuzung, mit vielen offenen Fenstern zur Strasse hin. Das Gästebuch verzeichnet viele Besucher aus Übersee: Frankreich, Deutschland, Niederlande, dazwischen immer wieder Brasilianer aus anderen Teilen des Landes – Rio, São Paulo, andere Großstädte. In Vitrinen sind Alltags- und Kulturgegenstände von beiden Seiten des Atlantiks ausgestellt. Auf Fotografien kann man die geistigen Väter des Projektes bewundern: Allen voran Pierre Verger, französischer Photo- und Ethnograf, der Kultur und vor allem religiöse Strukturen auf beiden Seiten des Südatlantiks in einem epischen Werk analysiert und dargestellt hat. Aber auch der Baiano Gilberto Gil, Musiker, Popstar und zur Zeit Kulturminister Brasiliens.

Die Bilder sind alt und verblichen, das gleiche gilt auch für die Idee, die hinter diesem Haus der brasilianisch-afrikanischen Kultur steht. Die Direktorin Rosa Vieira de Melo beklagt den Mangel an Geldern und politischer Unterstützung. Gegründet wurde das Caso do Benin Ende der 1980er Jahre, finanziert wird es vom Staat Bahia und der Gemeinde Salvador. In der Praxis fehlt es an allem: Kein Geld für Projekte, kein Geld für Veranstaltungen, kein Computer, kein Internetanschluß, um mit Benin zu kommunizieren. Kein Kontakt mit Benin.

Nachdem anfänglich ein lebendiger Austausch stattgefunden hatte, herrscht nun seit einigen Jahren Funkstille. Als vor einiger Zeit der Ministerpräsident Benins privat zu Gast war in Salvador, stolperte er eher zufällig über das ”Haus von Benin“. Die Regierung dort hat das Projekt schlicht vergessen. Dass Benin frankophon, Salvador hingegen lusophon ist, daß man zwar kulturell eine gemeinsame Ebene hat, aber sprachlich getrennt lebt, mag dazu beigetragen haben.

Nur wenige Meter weiter: Das Haus Nigerias. Nigeria, Heimat des Volkes der Yoruba und der afrikanischen Gottheiten, die in der Kultur Bahias eine zentrale Rolle spielen. Von aussen ist das Kultur-Haus kaum als solches zu erkennen: Ein Schild, das in den anderen dieser Altstadtstrasse mit ihren Souveniershops untergeht. Die Türe verriegelt, auf Nachfrage wir mir bestätigt, dass selten jemand, meißt niemand anwesen sei.

Im Taxi zum ”Casa de Angola“, dem ”Haus Angolas“ in Salvador. Der Taxifahrer kennt es nicht, ich muss ihm den Weg zeigen. ”Casa de Angola“ steht prominent über dem Eingang, in Silberlettern, an dieser lebendigen Einkaufsstrasse in der Innenstadt. Im Eingang im Erdgeschoß eine Büste des angolanischen Staatsgründers, eine Plakette, die an die Gründung des Hauses 1999 erinnert. Eine weitere: ”Staatspräsident José Eduardo dos Santos besuchte dieses Haus am 2. Mai 2005.“ Doch auch er brachte, so berichtet mir Jucelina Nascimento, die Koordinatorin des Hauses, auch dos Santos brachte kein Geld mit. Dennoch: Das Haus erscheint lebendig. Es gibt eine kleine Bibliothek, eine Ausstellung, einen Seminarraum. Das die Versammlungen vom Lautsprecher-Geschäft des Nachbarns nur zu häufig gestört werden, ist nur eines der Probleme, die Juscelina gerne lösen würde.

jucelina

Immerhin hat man einen regelmässigen Kontakt mit Angola, auch wenn man immer wieder mit Nachdruck die notwendigen Dinge einklagen müsse. Die Zusammenarbeit ist nicht leicht, aber immerhin, sie existiert. Man bestellt Bücher, vermittelt Anfragen, meistens von Akademikern, organisiert Filmvorführungen- und Theaterstücke. Juscelina ist viel im Hinterland unterwegs. Dort knüpft sie Kontakte, plant und organisiert Veranstaltungen, damit die Verbindung zu Angola auch über die Hauptstadt des Bundesstaates hinaus erlebt werden kann. Mehr und mehr soll das Haus auch zu einem spirituellen Zentrum werden, afrikanische und brasilianischen Candomblé-Zeremonien zusammenbringen. Und noch einen Traum hat sie: Ein Bürger-Radio zu gründen, um so die Menschen noch besser zusammen und die eigene Sache vorran zu bringen.

Yemanja, Oshun & mein Sohn.

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Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -7.915328S Longitude: 34.824772W

Oder: Wie man in Olinda 50 Reais ausgibt.

olindaEs ist sechs Uhr morgens, der Wecker klingelt für mich in Olinda, einer kolonialen Kleinstadt im Nordosten Brasiliens. Da ich nur zwei halbe Tage habe zwischen zwei Flügen, versuche ich früh aufzustehen, um Zeit zu gewinnen fürs Fotografieren. Außerdem, so der Gedanke, ist morgens das Licht weicher. Ich schwinge mich auf, verwundert, trotz der Wärme durchgeschlafen zu haben. Die zwei Caipirinha des gestrigen Abends haben Ihre Wirkung entfaltet. Schnaps ist hier billiger als Wasser.

Das Licht ist gnadenlos, bereits früh morgens brennt die Sonne. Ich wandere die Hügel hinauf, wo gestern noch die ganze Stadt auf den Beinen war, werden jetzt leere Plastikbecher weggefegt vom Wind oder den Angestellten der Stadtreinigung. Ich richte meinen Blick auf alles und nichts, bis er in einen Hauseingang fällt, in dem eine Art Candomblé-Altar aufgebaut ist: Kerzen, Heiligenfiguren, Schmuck, Blumen. An der Hauswand steht: “Mãe Baiana”, bahianische Mutter. Eben diese ruft mich herein, als ich durchs Tor hindurch versuche, die Möglichkeiten für ein Foto auszuloten. Von soviel frühmorgendlicher Freundlichkeit überrascht, trete ich verdutzt ein, sie bittet mich Platz zu nehmen. Durch eine Mischung von Rest-Religiösität und Neugierde gefesselt folge ich Ihren Anweisungen. Ich lege meine Hände mit den Handfläche nach oben und gebe Auskunft: Meinen Namen, mein Alter, wo ich herkomme, was ich mache, ob ich beruflich reise oder als Tourist.

baiana

Sie legt eine Kette aus Muscheln um, sortiert einige Devotionalien in der Schale vor sich, nimmt eine handvoll Muscheln in die Hand, schüttelt sie wie Spielwürfel und beginnt einen an die Götter gerichteten Sermon. Betonend, dass es gut sei, dass ich Portugiesisch verstehe, öffnet sie plötzlich die Hände und wirft die Muscheln vor sich in die Schale. Wieder werden die Götter, die Orishas angerufen, dann liest sie aus dem Spiel der Muscheln. Ich werde neugierig, hatte ich doch erst in Bahia eine Kette geschenkt bekommen, mit den Farben von Oshosi, dem Gott des Waldes, der Natur. Ein durchaus kämpferischer Gott, der gerne mit Pfeil und Bogen dargestellt wird und dessen christliche Synkretisierung mal der heilige Sebastian, mal der heilige Georg ist.

Die Bahianische Mutter hingegen sieht mich dem Schutz von Oshun unterstellt. Ihr gefalle alles, was goldgelb sei, das leuchtende Gelb des Edelmetall soll es sein und um Ihren Schutz vor der heute durchgeführten Reise zu erbeten, solle ich etwas goldgelbes schenken. Oshun sei die Göttin des Süßwassers, sie finde Gefallen an säurearmen Früchten und vor allem guten Gerüchen, Parfüm sei ein probates Mittel, um meine Orisha für mich zu gewinnen. Vor der Reise nach Fernando de Noronha solle ich auf alle Fälle etwas geben, damit Oshun über mich wache. Auf alle Fälle werde es mir in Zukunft gut ergehen, ich werde erfolgreich sein, reich, wen auch nicht zu reich. Auf alle Fälle werde ich Geld haben.

“Mãe Bahiana” fragt mich über meine Familienverhältnisse aus. Ich zähle auf, sie nickt wissend. Prophezeit mir, dass die brasilianischen Frauen ja durchaus auch gefallen finden, an einem gutaussehenden Mann wie mir. Ich weiss längts, dass es nicht so sehr das aussehen, sondern der Wohnort im scheinbar gelobten Land ist, der meine Attraktivität hierzulande ausmacht. Sie ermahnt mich, die Hände offen zu halten. Wirft nochmal die Muscheln. Ruft nochmal die Orishas an. Dann schweigt sie. “Du wirst einen Sohn bekommen!”

baiana 2

Ob ich noch eine Frage habe. Ich habe: Sie solle mir doch etwas über Yemanja erzählen. “Yemanja ist die Mutter aller Orishas, ihre Farben sind blau und weiß. Sie ist die Göttin des Meeres.” Dann fragt Sie: “Gefällt Dir Yemanja? Wenn Sie Dir gefällt, naja, das ist ja auch so: Oshun ist für das Süßwasser, Yemanja für das Salzwasser, Wasser ist Wasser, das fließt zusammen.” Ich denke an meine Tochter, die eine echte Wasserratte ist, das Meer liebt und von der ich überzeugt bin, dass die Mutter Gottes, Yemanja über sie wacht. So ein Kind braucht starken Schutz.

Meine spirituelle Ratgeberin lässt mich nun die Namen der Familienmitglieder aufschreiben, dazu die Adresse. Sie könne dann diesen Zettel unter eine Kerze legen, die auf meiner Orisha, die Oshun geweiht sei. Mit dem aufsteigenden Rauch würden auch die Kräfte und das Gute zu mir kommen. Sie selber schreibt mir Ihre Adresse auf und auch die Telefonnummer, wenn mein Sohn geboren sei, solle ich sie auf jeden Fall benachrichtigen. 50 Reais koste nun diese Sitzung, falls ich weitere 300 ausgeben wolle, könne sie die Kerzen entzünden und so für die Dauer des Kerzenbrandes weiter Gutes für mich bewirken. 50 Reais sind eine Menge in diesem Land, in dem eine Busfahrt weniger als 2, ein Abendessen vielleicht 20 Reais kosten. Ich bedanke mich, bezahle den Minimaltarif und betrachte ihn als Lehrgeld in Sachen brasilianische Spiritualität und Geschäftstüchtigkeit. “Mãe Bahian” erlaubt mir noch ein Foto zu machen – dafür war ich anfänglich ja gekommen. Dann verabschieden wie uns wie zwei, die sich kurz und intensiv kennengelernt haben, aber nie mehr treffen werden.

“Rost schläft nicht” (Neil Young)

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Thursday, October 27th, 2005 Latitude: -3.823149S Longitude: 32.365723W

rost

Fernando de Noronha, Oktober, 2005.

Das kleine Archipel, eine der ersten Entdeckungen Amerigo Vespuccis, dem Namenspatron des amerikanischen Kontinentes, liegt nur scheinbar mitten im Nirgendwo. Nicht das Ende, der Anfang der Neuen Welt liegt hier, zumindest deren Südliche Teile. Holländer, Franzosen, Deutsche, Portugiesen haben hier ihre Spuren hinterlassen, heute, nach 500 Jahren gehören die Inseln zu Brasilien. Der Flug, die teure Lebenshaltung, eine Art Naturpark-Steuer, all das führt dazu, dass Fernando de Noronha nicht überlaufen ist, sondern gemessen an der heutigen Massenmobilität immer noch sehr zurückhaltend besucht wird. Brasilianer mit Geld, Spanier, Italiener, einige wenige Deutsche, Holländer, Engländer. Alle untergebracht in kleinen Pensionen, nirgendwo Hotels oder ähnlich touristische Unbilden.

Manche Strände hat man für sich, andere teilt man mit 10 oder 20 anderen Menschen. Tauchen, Surfen und die Natur genießen sind die Hauptbetätigungen, abends trifft man sich in der Bar de Cachorro, der Hundebar, die nach dem gleichnamigen Strand benannt ist (und deren Drinks alle nach Hunderassen benannt sind, aber immer die gleiche Wirkung haben: als habe einen eine Dänische Dogge umgerannt…)

fdh

Vor etwa 10 Jahren habe ich zum ersten mal davon gehört, in einem Buch des schwedischen Journalisten Tord Wallström, “Atlantens Öar”. Wallström hatte die wichtigsten Inseln im atlantischen Ozean besucht und beschrieben. Mich faszinierte seine Beschreibung dieser Inseln, die im für das vergangene Jahrtausend sicher wichtigsten geografischen Raum liegen und heute so vergessen sind, überrannt von der Beschleunigung der Zeit. Zu Wallströms Zeit galt das sicher noch vielmehr. Heute sind die meisten dieser Inseln längst wieder angeschlossen ans globale Treiben, erreichen einen Anrufe aufs Mobiltelefon hier wie überall, ermöglichen Geldautomaten und Kreditkartenterminale den sekundenschnellen Geldtransfer, erreichen Texte wie dieser per Satellit und Internet die Aussenwelt – doch diese Unterscheidung ist längst am Verschwinden.

Webseite von Tord Wallström (på svenska)